Ritter wir sind unter den Masken, vernetzt und ungenäht.

Wie die meisten Dinge entstand es aus dem Nichts, vielleicht auch dem Alkohol, anderen berauschenden Dingen oder dem Frust nicht ausgelebter Sexualität junger Menschen. Es wurde gemunkelt, dass es während sogenannter Coronapartys zusammengesponnen wurde, seriöse Forscher bezweifelten dies. Früher nannte man diese in den Gazetten „Wie amerikanische Wissenschaftler …“, aber das ist nun wahrhaftig schon lange her, nur auf Twitter frotzelt man in den Nachttimelines noch manchmal darüber. Der coole Andy wusste es besser, er war dabei, schweigt aber immer noch und grinst heimlich im Heimatofficium, das große Latium juckte zwischen den Ohren. Es war in einer Whatsappgruppe. (Welch ein Wort!)

Nach allerlei Gefechten zwischen den Alphaweibchen und -männchen befahl die Republik die Allgemeine Maskenpflicht. (Was der Autor dieser Chronik durchaus gutierte und erstaunte ob der unvermuteten Weisheit dieser Gruppierungen.)

Auf jeden Fall tippte sich diese Gruppe in den Serverdschungeln des Heiligen Whatsupper die Finger wund, wegen diesen Masken, dem Abstandporn, unsozialen Distanzen und dann kam natürlich Darth Wader mit „Ich bin Eure Mutter“ in die Arena und das Gegröle wurde lauter. Die Damen derweil bemerkten, dass es wohl auch mit Schals ginge, das Bedecken von Nase und Mund, die Muslimas kicherten bekifft.

Ritter! Burgfrollein.

Die Idee war da. Jörg und Ida jobbten normalerweise auf einer Burg, irgendwo in den Weiten Thüringens auf einer Burg, die Mittelalter-Events veranstaltete, wie 60000 andere Burgen auch, weltweit vernetzt natürlich unter Hashtag #schlösserturniere, Instagram dröhnte davon.

Jörg und Ida waren gerade in München zusammengezogen, natürlich um Kunst und deren Management zu studieren. Die Arbeitskleidung für das Burggetöse bewahrten sie zu Hause auf, wie die Schweizer Bürgersoldaten auch. Schulligung. Soldat*innen.

Ein Flashmob wollte geblitzt sein.

Der alte Fritz war noch beim Bund gewesen und kannte das mit dem Maßband abschneiden und erinnerte sich an seinen Kameraden Otto, der das mit einem Zollstock machte, sägen statt schnippeln und übertrug dies sofort auf die Idee. Statt Schwert ein Zollstock vom Baumarkt, abgesägt zu 1,50 m, auch und vor allem für die Burgfräulein eine Abstandselle lang.

Man zog also in großen Abständen zum Sitz des Ministerpräsidenten unter Gegröle und Gejohle und schrie: „Runter mit den leichten Masken, Visiere zu, Vollschutz für die Ritter der Verfassung.“ Der Ministerpräsident, erkannte sofort den PR-Wert der Situation, übersah das Versammlungsverbot, nahm die Kreuze, die eigentlich für die Amtsstuben bestimmt waren, aus den Lagern und ließ sie den Rittern auf die Brust pinnen, wahlweise auch Halbmonde aus Brezenteig, man wollte ja nicht mehr so sein, zu den Sarazenen, die ihre Abstandhalter gekrümmt trugen. Alles verziert mit Aufbebber aus Wittelsbacher Rauten, was man in Heidelberg mit Jubel zur Ruine trug.

Idas Tante hatte eine bloggende Freundin mitgebracht, die auch gleich ihren gesamten Hofstaat der Instawalker mitführte, alles handygrafierte und live in deren Blogs dokumentieren ließ. Der schlafende Drache der SocialMedia erhob sein feuerflammende Maul und gebar neue Abkürzungen #digKvminister, SoMeRitter, #SoMeFrauLein etc. Die Youtuber trugen ihre Helme zu St.Influenz. Die Magazine knurrten und lachten.

Tausend Museumsdirektoren der Historischen Museen (und aller anderen auch) brüllten in ihren Pressemitteilungen, sie sehen die Grundpfeiler der Historie verbogen, heulten über die Verhohnepiepelung mittelalterlicher Kultur und fuhren ihre neu entdeckte transformierte Digitalisierung auf. Sofort und ohne Unterlass führten die Kunstvermittler durch die Museen und Archive live in ihren Zooms oder Instagram Stories, predigten das wahrliche Mittelalter, schlüpften in die echten Rüstungen und parlierten in feinsten Mittelhochdeutsch, das außer ihnen niemand verstand. Es war ja auch eher für die Hochkulturellen gedacht, schnell korrigiert, man wollte ja jetzt das ganze Volk des jammernden Priamos.

Es gab kein Halten mehr, in dieser unserer Republik. Überall siegte das Visier, was anderes sind Moped- und Motoradhelme, als neumodische Ritterhelme? Volkshochschulen verabreichten dem Volk Webinare zum schmieden von historisch wertvollen Helmen. Die Fechtclubs drehten Youtubes, wie man kontaktfrei mit Distanzmetern kämpft und wurden darob Einflusser genannt.

Theaterintendanten scheuchten ihre faulenzende Truppe aus den streamenden Eventbuden und ließen vollgepanzerte Stücke vor vollgepanzerten Zuschauern in den neuen Autokinos aufführen. Der Götz lebte auf, Berlechingen jubelte, die Pappenheimer wetzten ihre Messer an Wallensteinen.

In Berlin sollte das Theatertreffen vor den Resten der Mauer in Rüstungen stattfinden, als unser aller Übermutter den „Mummenschanz“, wie sie das bezeichnete, verbieten ließ. Protestantische Wissenschaft tröpfelte von den Zinnen. Alles verboten, Vollverschleierung, Rittergetöse und so weiter. Das ganze Volk der Küchenbauer war erbost. Die Intendanten gaben wütende Pressekonferenzen. Die Demokratie wäre gefährdet, das sagen sie immer. Die Kunstfreiheit auch und gerade jetzt, wo man wieder beschäftigt wäre und ließen ihre Bässe brummen und die Königin der Nacht tirrilierte ihr Messer
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In den Museen lächelte man höhnisch und zeigte weiterhin die histerischen historischen Artefakte online und verteilte Ritterbilder zum ausmalen, auch für Erwachsene.

Derweil herrschte im fernen Amerika ein anderer Rausch. Angestachelt von den Ritterorgien in Deutschland, mit Desinfektionsmittel als Crack betütelt, waren imperiale Sturmtruppen aus den Studios ausgebrochen, auf Podracern in voller Montur und behelmt gen Grenze gezogen und attackierten mit Laserschwertern die große Mexikanische Mauer mit mäßigen Erfolg, da die Mauern natürlich deutschen Zement enthielt.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit debattierten derweil in vielen Online Meetings die Wissenschaftler in Lauresham und Aachen mit den Schwestern aus Rüdesheim über die Kräuter Karls des Großen und der Medizin der Heiligen Elisabeth. Durch einen Zufall vermengten sie heute fast unbekannte Kräuter, darinnen vermerkt, mit kochendem Riesling aus den Gauen des Rheins und siehe da: Das Virus war besiegt. Keine Spritze, keine Droge. Schlicht ein spezieller Glühwein berauschte die Massen, selbst die Kanzlerin tanzte auf der Kuppel des Reichstages mit rotem Blazern und Jogginghosen.

Die Museumsdirektoren putzten wieder ihre Aura. Die Intendanten sprühten Nebel über die Bühnen und qualmten Theaterzigarren, die niemals aus gingen. Alles war wie immer.

Nur ein nicht wiedergewählter Präsident, desinfiziert und ins europäische Exil verbannt, ritt auf einem selbstfahrenden Rodeobullen durch die blühenden Landschaften Deutschlands und bekämpfte mit Wasserpistolen die Windräder, die seine Ölaktien wertlos gemacht hatten. Der Secret Service lächelte dazu und trank feinsten Rieslingglühwein und freute sich auf die Wagnerschen Rittergesänge auf den Bühnen der Deutschen Staats- und Stadtopern, gestreamt in die Met, man war es jetzt so gewohnt.

Ein Pianist übt versonnen weiter auf Twitter beste Sonaten!