Dischbediern

Und weil es im Dezember andere sind, die demonstrieren, mein ’96iger Text wieder und wieder…
Weil heute in Berlin wieder eine Demo gegen Judenhass ist. Weil das wieder und wieder notwendig ist und eigentlich nichts nutzt. Weil in Darmstadt ein Fußballtrainer der 2. Bundeslige seine Spieler bestraft, indem sie ein rosa Trikot, mit der Aufschrift “Tussi” tragen müssen und die ganzen Antihomophobie-Sprüche des DFB nichts nützen, weil die heuchlerische Springerpresse das getreulich missachtet. Und weil, weil, weil ich die Erinnerung auch brauche.
“Hört nicht fort, lauft nicht fort, disputiert halt mit”. Aus dem Jahr 1996 ein Text von mir für die Gruppe “Uhne Ferz”. Im Viernheimer Dialekt. Auch zum anhören.

Dischbediern

Un wonn se wia dischbediern
daß beim Adolf alles bessa wa

Un wonn se wia dischbediern
daß alle Schwule ufg’henkt kän

Un wonn se wia dischbediern
daß die Waiwa in die Kisch kän

R E F R A I N:

Hä net fort, laaf net fort
Dischpedier halt mit
Saach laut was de dengscht
wonn’s soi muß , donn kreisch laut
no, no, no…

Un wonn se wia dischbediern
daß die Polacke all vagaast kän
Un wonn se wia dischbediern
daß die Bimbos doch im Busch bleiwe solle
Un wonn se wia dischbediern
daß alle Tirke hom gschafft kän

R E F R A I N

Un wonn se wia dischbediern
daß Autofahrn dem Wald nix mescht
Un wonn se wia dischbediern
daß Mill sortiern was fa Dumme is
Un wonn se wia dischbediern
daß noch kona ‘sOzonloch g’sehe hot

R E F R A I N

Un wonn se wia dischbediern
daß Auslänna vabrenne sou vakährt net wä
Un wonn se wia dischbediern
daß Poltitik blouß was fa die onnan wä
Un wonn se wia dischbediern
daß alle Arbeitslose faul wän

R E F R A I N

Un wonn se wia dischbediern
daß Kinna un Waiwa ab un zu Priggl brauche
Un wonn se wia dischbediern
daß es des beim Adolf net gewwe hät
Un wonn se wia dischbediern
daß Sie alles bezahle meeste

R E F R A I N

#theaterstream

Das war ganz großes Kino gestern Abend.

Böllstiftung: Schauspiel im Livestream – Fluch oder Segen?

Unerhörtes war geschehen. Ein leibhaftiger Kulturstaatsträger, ehemaliger Popakademiker aus Mannheims Hafenstraße im Jungbusch, nun auf dem Kreuzberg zu Berlin predigend, forderte Livestreams von den Theatern, um auch das niedere Volk am erhabenen Geschehen teilhaben zu lassen. Natürlich brüllte das „sogenannte Hochfeuilleton“ auf. Die FAZ, die Welt, das Deutschlandradio, wer weiß wer noch. Es ging wie üblich um das Abendland und Schiller, Goethe und Kleist töröteten wie dieser Elefant aus Neustadt. Aber wozu gibt es Stiftungen? Die Böllstiftung nahm sich des Falles an und #tätä, eine Podiumsdiskussion sollte das lösen. Podiumsdiskussionen lösen immer alles. Deshalb gibt es keinerlei Konflikte auf dieser Welt.
Um die Sache schön realistisch zu gestalten, ließ der Dortmunder Intendant ein Stück live streamen (aber huch aber auch ganz weit von Dortmund nach Berlin) aber nur den Hochwohlgeladenen , denn eigentlich dürfte das Stück laut Autorin gar nicht gestreamt werden, aber der Verlagsvertreter saß ja dabei und passte auf, dass kein Lichtschimmer ans gewöhnlich Volk geriet, wo doch Durs Grünbein in seiner Büchnerhaftigkeit selbst es übersetzt hätte. (Was für mich nun keine Einladung wäre das Stück zu sehen).
Aber die Diskussion wurde gestreamt. WELTWEIT ins Netz. MIT #Hashtag an der Wand.
Vom Moderator vorgestellt die Diskutanten, mit allen akademischen Titeln, bisherigen Arbeitsplätzen und wie Adelsbriefe die Ehrungen und Festivaleinladungen als Fahne vorher prozessionisiert. Schön, man hätte das auch auf ein Blögchen schreiben können oder so, aber dann hätte man ja eine URL unter den #Hashtag an die Wand projizieren müssen. Man sollte das mit dem Digitalen ja nicht gleich übertreiben.
Sogar die Kuratorin der re:publica (sic) erzählte, Honigkuchen grinsend, etwas von der Netzgemeinde und wie man streamte, denn nur die re:publica kann so etwas in Berlin. Hatte nicht schon der Doge der Netzgemeinde prophezeit, er würde die Bloggerie von der Subkultur in die Kultur hiefen. Hhm. Wäre ich im Bundesvorstand der Grünen, würde ich mir den Böll-Laden mal vornehmen und fragen, warum dorten niemand weiß, dass die BDK schon seit Jahren live gestreamt wird. Und gestern auf Arte der Fidelio aus der Scala live, mit youtube-backstage hatte auch niemand gesehen? Ja, ja, das konnte man in Deutschland nicht sehen, wegen der Rechte, dabei hat der 12 jährige Enkel der Oma Augen rollend das über ein Proxy aufs iPad gelegt. Herr @Bahrenboim, der ja auch twittert, wird viel Arbeit haben in Berlin!
Aber dann die Diskussion. Niemand wusste nix genaues nix und man müsste halt mal probieren, aber richtig und so ganz paritzipativ….Ich lächelte. Niemand las den #hashtag mit, auf Twitter tobte die #theaterstream Timeline, es gibt von http://nachtkritik.de hier ein Storify dazu. Wie gesagt. Das war ganz großes Kino.
Die Diskussion mit dem Publikum vor Ort wurde auch vom Moderator so geführt, dass doch der Herr Puppentheaterprofessor und die vom Thalia und der vom Ulmer Theater, etwas sagen sollten, die hätten doch so was schon gemacht. (Deshalb saßen sie ja auch nicht AUF dem Podium :) ) Nur zum Schluss ein Herr, der dagegen war, weil es ihn ankotzt, dass im Kino Popkorn gefressen wird.
Am schönsten für mich die Szene, als Herr Intendant Kay Wuschek erzählte, dass jeder Berliner Jugendliche 3 Stunden auf sein Handy starre, mit den Achseln zuckte und sich fragte, wie er den ins Theater lotsen solle.
Nun: So ein Handy ist livestreamfähig in beide Richtungen. Die Faszination des Theaters ist doch, dass da leibhaftige Menschen agieren, vor leibhaftigen Menschen und beide Seiten könnten solche Livestreammaschinen haben und dann könnte man sich etwas erzählen, mit der Hand auf dem Touchscreen, dem Mund, mit allem, wie der Dönermann sagt. Wäre eigentlich gar nicht so schwer, oder doch, doch, aber lösbar. Es geht meines Erachtens nicht darum Kabale und Liebe live zu streamen, kann man machen, jo, aber warum?
Wenn man die große weite Welt des Netzes, samt seiner Möglichkeiten und Nutzer ins Theater laden will, an sich binden will, muss man das Netz interaktiv, partizipativ, in Augenhöhe AUF die Bühne lassen und wieder zurück. Manchmal, nicht immer. Mich würde interessieren, was Schauspieler davon halten, aber die sitzen ja nicht auf Podien, die spielen zu Hause das Geld in die Kasse.

Ein Vorschlag von mir steht hier. Jo, ich weiß ich nerve. Die Bürgerbühnen lassen die Bürger schon einmal auf die Bühnen, ohne Netz und doppelten Boden bisher, aber wer weiß. Das ist schon einmal ein Weg. Ich bin da gerade am Gucken….
Ganz zum Schluss dann der Oberknaller: Der Moderator verwunderte sich, dass die Theater das Marketing schickten, dort zum erhaben Orte der Live-Kommunikation. Jetzt lachte ich laut. Mache ich doch mit beim Marketing-Club der Bürgerbühne mit und auch in Mannheim, ist die Theaterwelt nur im Marketing digital.

Wie gesagt war ganz großes Kino.

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Pseudoreligiöses

Ursprünglich am 5.9.2010 geschrieben und nichts hat sich für mich geändert. Bin ich auch so ein böser (Dingens)-Phob?

Nur ein kleiner Hinweis, ein Gedanken winden, ein glossen zur tabulosen Debatte der Kandesbunzlerin…

Ich denke, all das Geschwafel über Migration, Integration, Leitkultur und all die anderen Hilflosigkeiten, hängen eng mit unserer säkularen Gesellschaft zusammen, dem kultischen schlechthin, der Religion.
Ein überwiegender Teil der Menschen hier hat mit den „alten“ Vorgaben der einst mächtigen Kirchen nichts mehr am Hut, hat sie sich abgeschminkt, bleibt fern oder ist ausgetreten wie ich, war nie Teil davon, wie der Osten mehrheitlich.
Ich spreche vom Muff dieser Institutionen, der Spießigkeit ihrer Erscheinungsformen, ihren eifersüchtigen Göttern, die bis ins Detail, gerade im sexuellen Bereich alles deuten und beherrschen wollten, sich gegenseitig abgrenzten, gegen andere Sekten aufhetzen, und dazu rechne ich inzwischen sowohl die evangelische wie auch die katholische Kirche in der BRD. Das alles hat man in weiten Teilen abgelegt, oder glaubt jemand ernsthaft, die Mehrheit selbst katholischer Kirchgänger hält sich tatsächlich an die perversen Verbote von Pille und Kondomen? Da können sich die Hassprediger in den „kath. Netzen“ oder die selbst ernannten bigotten katholischen Blogs noch so abgeifern (nein, keine Links für diese Szene), wir leben in einer säkularen Welt, die sich langsam aber sicher beginnt, eigene Werte zu schaffen, alte zu integrieren, neue auszuprobieren und das hat alles zunächst nichts mit Atheismus zu tun, sondern mit dem frei schaufeln, emanzipieren, Kopf lüften.

Ich will auch niemanden seinen Glauben vermiesen,

es ist so viel Wahres und Gutes in diesen alten Kirchen, ich war lange genug aktives Teil davon, aber den Muff, die Spießigkeit der pietistisch-schwäbischen Pfarrerstochtermentalität, das onklehaft-verschämte Unvermögen über Sex auch nur zu sprechen vieler katholischer Amtsträger (und ich habe Freunde darunter, doch) wollen wir nicht zurück.
Und jetzt kommen aus anderen Ländern anders sozialisierte Menschen, mit den eifersüchtigen und aggressiven Gottheiten ihrer Kulte, verbunden mit einem extremen Macho-Gehabe, die sich oft in der Fremde an genau diese Kulte klammern und sie Wort für Wort leben wollen, bar jeder Toleranz, wie es noch nicht lange her, auch hier so war.
Durch die Hintertür des Orient kommen wieder diese ekelhaften Zwänge der monotheistischen Religionen, die doch eigentlich innere Freiheit lehren, mit Vorschriften, sogar für das Essen. Von fern droht das westlich-puritanische Amerika mit seinem ewigen „God bless“ und dem Kreationismus, dahinter die fern-asiatischen Kulturen, die man gar nicht kennt.

Es ist die Angst wieder genauso werden zu sollen. Nicht islamisch oder sonst wie, es ist die Angst sonntags wieder die alten Lieder singen zu müssen, Andacht heucheln und dem Herrn Pastor die Hand (oder sonst etwas) küssen zu müssen. Diese Angst vor der Inquistion, dem Imprimatur, der Zensur, der Unfreiheit, dem pietistisch-kehrwochenartigen Gequäle, dieser Art der kollektiven Unfreiheit. Wir können mit den zurückgedrängten Kirchen leben, die sich in ihren Sakristeien beweihräuchern, aber nicht mit der aggressiven Kirche vergangener Tage und auch nicht mit einem aggressiven Islam, der alles und jedes verurteilt und verachtet, der nicht ist wie er.

Möge jeder nach seiner Facon selig werden, aber auch ohne Anspruch darauf, dass die eigene Facon die einzig Wahre sei und auf Gedeih und Gebenedeit durchgesetzt werden muss.

Und das alles hat nichts mit Genen zu tun oder ähnlichem dummem Zeug der Pseudo-Sozial-Darwinisten, es ist in die Köpfe genagelt, auch bei vielen von uns.

Es gibt keinen Weg zurück in den Fundamentalismus, gleich welcher Art. Das ist die Botschaft. Wir verteidigen unsere Freiheit, mit Worten und mit Locken, gegen die Hassprediger jedweder Couleur. Und doch, ich kenne genügend türkische Kollegen, mit denen man bei einem Bier und Schnitzel genüsslich darüber palavern kann.

Angeln drehen sich, die Abendnachrichten

Der Drehpunkt angelt, spuckt die Menschen aus den Fischen. Selbst Herr Battels quietscht den Rost unter den Zehennägeln hinaus. Der Angelpunkt dreht sich, jubeln die Schweine, die im Netz nach Schlämmen suhlen. Die Kinder der Oligarchen, Monarchen und anderen Archaikern spielen selbstvergessen in leeren Zementsäcken, die Klone der Kanzlerin für sie blasen. In den Windkammern unter den Bohnenstangen ficken Tornados streichelnde Tsunamis, die schon längst keine Tränen mehr treten. Judas hatte schon lange die Silberlinge zurückgebastelt, er handelt jetzt mit Gold für Zyklopenzähne. Die Riesen aus dem Münsterland verstecken sich unter den Röcken der Zwergenpriester des Kraichgaus und kauen die Bernsteine aus dem Jura weich, das sich in Kalk zurückstudiert. Prinzessinnen aus reiner Fastennacht kegeln mit den Hoden der Elfenräte, ratet mal, wer sich zu Kegeln richtet.
Das Wetter findet erst wieder in drei Wochen statt, wenn sich die Autobahnen aus der Reha rollen. Ich träume mir Pupillen in die Brust, jenseits der Warzen.

jenes land

(aus 9/2001)
in jenem land in dieser zeit
zittern menschenkinder
den nächsten gotteskriegern
verständnislos entgegen
noch ein neuer rachedurstiger gott
ihr gott ist schon lange
tägliches grauen
wie sollen sich
wie
menschen
lieben
in solchen zeiten
in jenem und unserem land ?

Rumpel ‘d Stilz, die alte Rampensau grölt Bachkantaten #nebel14

Es waren nur kleine Nebel heute, ich wäre gesehen worden aber bald. Zwei Meter Sicht und in warme Kapuzen eingepackt den Waldweg entlang, den ich seit Kindheit kenne. Schritt auf Schritt. Tippelgetappel und auf den Ohren Rascal Flatts. Kitsch unter Kiefern, die Nebelbläschen auf der Lunge, als ob ich den November rauchte. Mitten hinein in die Landschaft, die nach drei Kilometer an den ehemaligen Kasernen endet. Die Amis, abgezogen, als ob hier Berlin wäre. Verzogen nur nach Wiesbaden, in die Landeshauptstadt, es ist den Amis egal, dass es nicht mehr Baden-Württemberg ist, wie mir auch, wenn ich neble und nur alle 200 m die Nase putze, den Rotz laufen lasse, wie als 4 Jähriger . Es waren nur kleine Nebel heute, aber bald. Die Autos können nicht rasen, die Stille ist furchtbar, mitten in der Watte, die drei Autobahnen dröhnen so leise, als ob die stille Nacht, aber es ist Morgen und das Leben tanzt Nebel. Und dann der letzte bellende Hund verzogen, all die Nordisch Gewalkten zu Huas oder sonstwo, auf jeden Fall nicht hier und ich hohle mein Smartphone aus der Tasche und nein, ich twittere nicht.
Nur für mich in der Wolkensuppe in den Editor von Evernote. 140 Zeichen, die nicht nach Frisco reichen. Nur für mich in den Nebeln der Waldheimat, kurz vor dem Wasserwerk, fast kann man die Bisons vom Karlstern röhren hören, auch wenn sie das nie tun. Und da ist er, der Hashtag #nebel14. Und es läuft in Swiftkey, der Androide tanzt, es ist mir egal, ob ich Netz habe, ich bin meiner Nebelwolke, nur ich und der Geruch nach feuchtem Wald und Kiefern. Acht wie Nacht Hashtags sollt ihr sein, im Heid und auf der Walde.

Da vorn, ach der Erlkönig. Er hat Pause, das steht ihm zu, seit Jahrhunderten reitet er für uns #nebel14

Schneewittchen hängt an meinem Hals, singt und saugt, aber ich darf nicht küssen, verschwommen die Gestalt #nebel14

Rumpel ‘d Stilz, die alte Rampensau grölt Bachkantaten lautlos in die Nebel der Rapper, als Kiefern verkleidet #nebel14

Hänsel da Grêtöl spucken Pinien, kernen bleiche Wölkchen zu Seienden. Ein Adorno spechtet im Baum #nebel14

Märchen sägen sich Sagen aus dem Gehölz, das einst Siegfried scheute. Drachen aus Moosgarn säumen sich #nebel14

Klirrende Schwerter aus Sarazenenstahl rosten zu Zwiebelkuchenfarmen. Von Fern ragen Lebkuchen aus den Kochen der Volxmusikstars #nebel14

Dreißig Atem losen um die Mäntel der Martinis, ungerührt, geschüttelt vom Frost, der bald kommen soll. #nebel14

Tropfen schwimmen im Stroh der frühen Krippen, grippen sich zu Biotika, drüben in Walhalls Odin. Saft aus Netzen läuft rot zu Magenta #nebel14

Keine Ohrenzapfen wuchsen mir unter lichtem Haar. Keine Kristalle schollten zu Eis. Lichter winken. Der Zauber schraubt sich aus dem Stativ. Ich bette meine Füße. Das Haus seufzt und sehnt, aber freudlich lächelt der Wald.