Endstation Pienssucht

Als Beitragsbild hängt oben ein Screenshot von Twitter. Mein Kommentar, direkt nach dem Ende von „Endstation Sehnsucht“ im Nationaltheater Mannheim.
Ich lief schnell ins Theatercafé um den Tweet abzusetzen, bevor ich mich in das Gewühl der Premierenparty stürzte. Ich mach das gerne, ist ja ohne Belang, wer bin ich schon. Drei Tische weiter saß der Chef der Kulturabteilung des Mannheimer Morgen und tippte in sein Notebook. Fand ich cool. Nachtkritik lokal, oder so. Mich beschlich allerdings das Gefühl, da würde ein Verriss geschrieben. Nun denn.
Längst zu Hause las ich den Tweet des Intendanten, der sehr aufmerksam alles registriert, was um sein Theater herum vorgeht. Seismographisch. Und ich antwortete. Twitter halt.

Ich wollte schon „Cool, online first.“ schreiben, aber ließ es.
Das war gemeint.
Am nächsten Morgen dann die Hauptkritik.
Zumindest im Zeitungs-PDF gleich zweimal, im Kulturteil und im Lokalteil.
Und jetzt ärgerte ich mich. Nicht wegen des Verrisses, sondern Sätze wie diese:

„sondern eher um Unterhaltung für junge Menschen, die das Stück gar nicht kennen.“

Ja genau, was haben junge Menschen im Theater zu suchen, die so ein Stück noch nie sahen? Ich bin 67, durfte wenigstens ich? Es waren gar nicht so viele Junge da, wenn ich mich recht erinnere. Aber weiter:

Unter dem Strich? Ein optisch reicher, handwerklich gut gemachter und schauspielerisch niveauvoller Klamaukabend, der sich wieder mal der Ernsthaftigkeit und Tiefe verweigert. Das ist kein Problem. Das darf sein. Unterhaltung ist ein Wert. Und auch hier wird am Ende doch freundlich geklatscht. Aber welche Kulturinstitution in der Eventbudenrepublik kümmert sich am Ende eigentlich noch um die ernsten kulturellen Dinge? Nicht nur Blanche verzweifelt an der Oberflächlichkeit der Welt..

Das geht mir gewaltig auf den Sack, liest man ja dauernd, diese Kritik am Klatschverhalten. Wir sind ja alle blödes Klatschvieh, gell, keine Ahnung, wie das Volk der Kritiker.
Na ja, deswegen alleine will ich nicht bloggen, man ist es ja gewöhnt. Eigentlich ist Eventbudenrepublik ganz nah an der Regie des Stückes. Wenigstens ich verstand es so. Genau so karrikaturhaft und abgefuckt wird uns die amerikanische Gesellschaft gerade täglich dargestellt, die Kowalskis wählten eine Karrikatur als Präsident, ein Milliadär, der es denen da oben zeigen will. Die Mittelschicht von den Banken ausgenommen. Das IST ernsthaft so. Diese unsere Welt kann man wahrscheinlich nur noch ernsthaft mit einem Lachen beschreiben, das im Halse stecken bleibt. Das ist sehr ernsthaft! Meine unmaßgebliche Meinung. Kann man anders sehen. Auch so eine Redewendung aus den Rezensionen des MM, kann man machen, wenn eigentlich das Gegenteil gemeint ist.
Aber was total nervt ist diese Sammelkritik an den „Kulturinstitutionen“, die sich nicht um die ernsthaften kulturellen Dinge kümmerten, ist schlicht falsch, pauschalisiert und ja, ursprüngliches Wort gestrichen.
Was ist ernsthaft? Wenn wir wieder alle im Stehrock mit Schnauzer durch Monokel blicken und schwere Zigarren rauchen und pathetisch über die Dienerschaft parlieren, oder im Unterhemd Arbeiterlieder singen und mit der Proletin spielen? Dieses Gepinse meine ich. Nichts ist, wie ich es haben will. Hat nicht schon Schiller geschrieben: „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet.“ Ist schon eine Weile her. Schiller steht auf Sockeln. Wir hienieden müssen eigene Wege finden.
So, jetzt geht’s mir besser.Alle 10 Jahre muss ich wohl was zu dem Gepinse im Kulturteil des Mannheimer Morgen schreiben.

Wird Gutenbergs Erbe zerstört?


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