Fußball, Tussis, Angelus

tl;dr: Alter weißer Mann parliert zu Erinnerungskultur für Frauen und fragt sich, ob das je jemand zu Ende liest. Viel zu lang, nix wirklich Neues. E-gal.
Titelbild: Bodenplatte im Speyrer Mariendom.

Mein Beitrag zur Blogparade #femaleheritage

Blogparade #femaleheritage der Stadtbibliothek München
Was fällt Euch spontan zu Frauen und Erinnerungskultur ein? An welche prägenden Frauen erinnert Ihr Euch? Welche weibliche Persönlichkeit ist vergessen und sollte Eurer Meinung nach wieder aktiv erinnert werden? Wir von der Monacensia im Hildebrandhaus laden Euch zur Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage“ (Laufzeit: 11. November bis 09. Dezember 2020) ein. Gemeinsam mit Euch möchten wir Frauen in der Erinnerungskultur präsenter machen und das Bewusstsein für ihr Werk und ihr Wirken stärken. Rückt ihre Leistungen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft in den Fokus, löst Euch dabei von den gängigen, binären und polarisierenden Weiblichkeits- und Männlichkeitsklischees. Wir freuen uns auf Eure Sicht zum Thema!

Was mir spontan einfällt?
Was zum Teufel, äh, für die Genetzten „wtf“, ist „Erinnerungskultur?“ Vor allem wie und wo findet sie statt? Nur in akademischen Zirkeln, in Zeitschriften und Archiven? Dort, wo die Kanons nicht gesungen, sondern in Aktenordnern (und sei es elektronischen) versenkt werden? In den Backlists der geheiligten Verlagswelt, den Archiven der Museen? Erinnerungskultur? #femaleheritage, weibliches Erbe? Im Alltag? Jenseits der offiziellen Archive? Allgemeine Erinnerungskultur. Gibt es. Dies soll mein Thema sein.

Vorab zwei Beispiele aus der Praxis, wie es gehen könnte.
Malerei:

Die Kunsthalle Mannheim stellte einfach Werke von Frauen, die bei ihrer berühmten Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ fehlten, jetzt aus! Sollten mehr Museen machen, ihre Bestände sichten. Ich war beim Bloggertreffen. #umbruch #femaleheritage

Corona, Stühlchen, Feminismus und #umbuch

Musik:
Freies Orchester Leipzig „Das Orchester besteht aus 24 professionellen Musikerinnen. Bei der Konzeption der Konzertprogramme wird in besonderem Maße Wert darauf gelegt, Werke von Komponistinnen aller Epochen erklingen zu lassen.“

Aber jetzt:

Ein paar Tage vor dem Start dieser Blogparade jubelt der DFB über 50 Jahre Frauenfußball.

Screenshot der Website des DFB am 26.10.2020
Die TAZ schreibt dazu: “ Jubiläum des Frauenfußballs: Deutschland, ein Männermärchen.
50 Jahre Frauenfußball ist blanker Unsinn: organisierten Frauenfußball gibt es viel länger als das DFB-Verbot. Es ist Zeit für eine Aufarbeitung…….. Über hundert Jahre Emanzipationskampf im Fußball, das wäre erzählenswert.“

#femalheritage gekappt, verschwurbelt. Sollte aber unbedingt erhalten werden!

Eine schöne Dokumentation gibt es dazu in der WDR-Mediathek, bis zum 14.11.2020:
„Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zeigte sich zurückhaltend. Eine Nationalmannschaft der Frauen hatte man erfolgreich verhindert. Und so kam die große Stunde für die Fußballerinnen aus Bergisch Gladbach.“

Streamen auf Vimeo ab 4,50 €, die Macher wollen ja auch was verdienen.

Screenshot von Vimeo zum Streamen des Films „Das Wunder von Taipeh“. Klick führt zum Original.

Damit es nicht verloren geht! #femaleheritage
Die Süddeutsche bespricht das Thema auch.
Anne Trabant-Haarbach: „Die Männer haben eben gern das Sagen, auch bei den Frauen“
Die Zeit setzt nach:
Frauenfußball in Deutschland: „Es gab eine riesige Diskussion um einen Brustschutz“

Damit auch das nicht verloren geht! Nicht nur in Kunst und Wissenschaft. #femaleheritage

Was mich schon jahrzehntelang  umtreibt: Frauen mit Erinnerungskultur, im Erbe heftigst verankert seit 2000 Jahren, die ich so nicht mag, die Inhalte, nicht die Frauen.  Zeitgenossinnen, unter den zwei ersten Römischen Kaisern, auch heute noch in aller Breite präsent.

Tussi

Am 29.10.1994 schrieb ich einen Text für Uhne Ferz, unserer damaligen Dialekt-Band, wie immer in einer – nicht mehr existierenden – Kneipe. Irgendwann hörte ich das Wort „Fisimatente“ und „Tussi“. Ich wollte schon immer einen Song haben, in dem die französischen „Fremdworte“ enthalten sind, die noch meine Großeltern häufig benutzten, vermischt mit englischen, es entstand „Tusnelda“.  Im Dialekt klingt das noch seltsamer, die Mischung. Ich weiß, das gab es überall, mit den französischen Vokabeln protzen. Den Gallizismen.

Tusnelda

REF

Tusnelda, ach Tusnelda
kumm mä mache Fisimadende
Tusnelda, ach Tusnelda
dord hinne uff’m Koannapee
Tusnelda, moi Tusnelda
Visitez ma tente, mä mache Fisimadende, Vi-si-tez ma tente

Hey, hey Tussi, des is cool
Hey, hey Tussi, des is groovy, hey, hey, hey Tussi, moi Tusnelda
Du leigscht uff moim Portmonä

und so weiter.
Fertig versteht es sich auswärts besser. (Ja das war kein Punk, gell.)

Uhne Ferz „Tusnelda“

Nach Fertigstellung begann ich zu grübeln. Ich wusste schon, dass Tussi eine Kurzform für Tusnelda ist, aber wie kam ich dazu ein Lied nach einer Frau zu benennen, die 2000 Jahre vor meiner Zeit lebte? Das lies mich grübeln. Heutzutage reicht ein Klick auf die Wikipedia zum recherchieren. Tusnelda, Frau des Armin, dem Cherusker, dem Varusgegner. Aber später von dem römischen General Germanicus geschlagen. Tusnelda von Arminius entführt, von ihrem Vater zurück entführt, dem Germanicus überlassen, damit er sie in seinem Triumph dem Imperator Tiberius vorführen konnte. Auf der Pina-Website bestens beschrieben. Hhm. In München, wo die Planer dieser Blogparade zu Gange sind, ist sie in der Alten Pinakothek verewigt, das Bild von Luwdig II bestellt, ein Hoch auf die Pinakotheken.

Carl Theodor von Piloty, Thusnelda im Triumphzug des Germanicus, 1873, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek, München, URL: https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/9pL3QdK4eb (Zuletzt aktualisiert am 07.11.2019)

Nebenbei: Das Bild steht unter CC BY-SA 4.0. Das bedeutet, ich darf es hier einfügen. Über Lizensen sollte viel mehr nachgedacht werden. Auch für die Erinnerungskultur, eBooks für Backlists z.B. Über Plattformen dafür, auch für Bibliotheken, Verlage, Foren, die per CC BY-SA 4.0 oder anderen CC-Lizensen für ihre Kunden  veröffentlichen wollen, auch zur Erinnerungskultur),

Also, wie ist das nun mit den Tussis? Auch hier erzählt die Wikipedia:
Thusneldas Name, der im 19. Jahrhundert noch positiv besetzt war, wurde im 20. Jahrhundert umgedeutet. Mitverantwortlich war mit Sicherheit Kleists Hermannsschlacht, Schullektüre etlicher Generationen. Thusnelda wurde zur Bezeichnung für nervige Ehefrauen und weibliche Dienstboten. Aus T(h)usnelda entstanden das Kosewort Tusschen und schließlich Tussi oder Tusse als Schimpfwort für Frauen bzw. mehr noch als Klischee eines oberflächlichen, eitlen „Dummchens“.

Also der Kleist war schuld? Was Theater einst bewirkte! Zum Lesen beim Projekt Gutenberg, in der Müncher Stadtbibliothek zur Leihe. Zu sehen in einer Inszenierung von Peymann am Theater in Bochum, 1985.
Erstaunlich. Aber die Chance einen Prozess wie den „Kevinismus und Chantalismus“ zu einem allgemein benutzen Begriff, wie z.B. „Schakkeline“, zu machen, hätten heutzutage wohl nur Netflix und Co.

Schrieb ich da.

Am 2.11. in diesem coronalen Jahr, begann wieder ein Lockdown (lästig, aber muss wohl sein) und ich suchte auf Netflix was man wohl während dem Daheimgehocke, noch im Dämmerzustand, konsumieren könne und:

Bämm.

Kurze, unbezahlte Werbung:

Ausschnitt eines Screenshots von Netflix zu „Barbaren“ Klick zur Website.
Auf dem Bild: Tusnelda in der Schlacht.

Tusnelda mittendrin, als eine der Hauptfiguren im Drama der Varusschlacht, mordende Seherin, Anführerin, Superheldin.

Da war es. Als ob es die Streaming-Menschen gewusst  hätten. Ich fand die Serien ja nicht so genial, obwohl es amüsiert, dass die Römer untertiteltes Legionärslatein nuscheln. Selbst Varus, der wahrscheinlich rhetorisch gebildete Senator, Prokonsul etc. Die FAZ lässt Fachleute rezensieren.“Archäologen schauen „Barbaren“ : Eine bunte Varusschlachtplatte.

Nun! Tusnelda ist wieder im Rennen. Ich bezweifle es zwar, aber vielleicht gibt es ja wieder Tusneldas in den Standesämtern zu vermelden und die positive Deutungshoheit erreicht auch wieder die Tussis. Frau @kulturtussi leitete es unwissentlich schon mal ein. :)

Die noch berühmtere Zeitgenossin:

Maria
Es gibt unzählige Literatur, Gemälde, Skulpturen, was weiß ich.
Mir allerdings stößt immer dieses „Jungfrau Maria auf. „Ich weiß, das gibt es auch in anderen Religionen, Kulturen, aber hier geht es um hier und jetzt.

Aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis:

„… und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus …“

Pilatus, ein Kollege des Varus als Statthalter, einer der vielen im Imperium.

Es könnte unsereinem ja egal sein, was die Christen da glauben, aber sie haben ein perfide Idee entwickelt dies tatsächlich täglich, bis heute, in die Welt zu bimmeln. Erinnerungskultur mit zichtausend Glocken. Das Angelusläuten.
Die Evangelischen denken dabei an den Frieden, die Katholiken sollen dabei den Engel des Herrn beten.

Zitiert nach den Vatikan-News:
„Der Engel des Herrn
brachte Maria die Botschaft.
– Und sie empfing vom Heiligen Geist.
Maria sprach:
Siehe, ich bin die Magd des Herrn.
– Mir geschehe nach deinem Wort… “

Hans Holbein d.Ä stellt das so dar:

Hans Holbein d. Ä., Kaisheimer Altar: Verkündigung Mariens, 1502, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek, München, (Zuletzt aktualisiert am 05.09.2019) Klick ins Bild zur Website.

Wie gesagt, lass sie doch. Nur. Die höchste Frau im Christlichen Pantheon wird als immerwährende Jungfrau dargestelt. Ohne jede eigene Sexualität, ohne zu widersprechen. Das färbt bis heute ab. Doch.
Ich hatte das hier schon einmal durchgehechelt. Aus diesem Beitrag stammt auch das Titelbild.

Elysium hauchte Europa


(Über diese Platte rollte erst neulich der Sarg des vorletzten Bundeskanzlers Kohl.)

Kurz danach las die damalige Hausautorin des Nationaltheaters Mannheim Enis Maci aus ihrem ganz frischen Essay-Band „Eiscafé Europa“, dessen 9. Kapitel von albanischen Schwurjungfrauen handelt. Hier. Während der Lesung sagte sie plötzlich: „Jungfrau, was ist das überhaupt für ein Wort, eine ungefickte Frau?“
Das merkte ich mir, weil es genau trifft. Also, ich will nicht an Maria als ungefickte Frau denken.

Wenn schon, dann will ich an Maria als Jüdin denken. Jüdin, deren Sohn eine Weltreligion begründete. Ja Jüdin, weil gerade wieder der Antisemitismus aus allen dumpfen Löchern kriecht, neue Nazis Juden drangsalieren, sogar töten.

Aus Trotz gegen diese Verbrecher.

Jüdin ist kein Schimpfwort, nein.

Ein toller Beitrag dazu gibt es beim ZDF. „Hey, ich bin Jude! – Jung.Jüdisch.Deutsch.“

Hört ruhig all die Musik, die Ave Marias, die Stabat Maters, betrachtet die Pietas, die unzähligen orthodoxen Iconen. Alles für eine Jüdische Frau, deren sexueller Status nichts zur Sache tut.

Giovanni Battista Tiepolo (?), Maria mit Kind, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek, München, URL: https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/gR4k3RN4Ee (Zuletzt aktualisiert am 16.09.2020)

Möge es weiter läuten!
Morgens ist es ja verboten aber mittags und abends sehe ich das auch als Service für das weitverbreitete Homeoffice. Um 12:00 werden wir erinnert die Mittagspause einzuhalten und abends den Feierabend nicht zu vergessen. (Was im übrigen wahrscheinlich schon immer der Grund für das Geläute war, in einer bäuerlichen Gesellschaft, ohne Taschenuhren.)
Ihr hättet trotzdem gerne ein Marienzitat, aus alter Gewohnheit?

Nehmen wir meinen Lieblingsspruch. Johannes 2-5. Wieder nach dem Vatikan zitiert:

2 Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.
3 Als nun der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr“.
4 Jesus sagt zu ihr: „Was willst Du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
5 Da sagt seine Mutter zu den Dienern: „Alles, was er euch sagt, das tut.“

Mütter! :))

Am 11.12.1997 dachte ich auch wieder an Maria, unter dem Druck der Krippchen allerorten, schrieb einen Text für Uhne Ferz, ließ Josef erzählen. Die Geschichte des Josef ist auch so eine Sache. Eine Parodie auf das Marienlied „Maria breit den Mantel aus.“
Heute mein Beitrag zum bald erfolgenden weihnachtlichen Boom der Zeterungen zum Beherbergungsverbot :).

Josefs Lied:

Prost, der Wein aus Kanaa mundet, auf Tusnelda und Maria und all die vergessenen Frauen, die die Parade finden wird!

4 Gedanken zu „Fußball, Tussis, Angelus“

  1. Lieber Mikel,

    wie kurzweilig und was für eine Zusammenstellung. Fußball, Tusnelda, Tussi … Maria, Ritt durch Museumssammlungen und dann noch den #SalonEuropa von Museum Burg Posterstein eingebaut.

    Du hast es schon vorher so angekündigt, eine scheinbar wirre Zusammenstellung unter der ich mir wenig vorstellen konnte. Jetzt ist es aufgelöst und es war mir ein Vergnügen deinen Beitrag zu lesen. Steckt noch einiges drin zum Nachdenken!

    Dankeschön, dass du wieder mitwirkst bei einer Kultur-Blogparade im Dunstkreis von Museen und Archiven!

    Herbstliche Grüße
    Tanja in Doppelfunktion mit digitaler Vermittlung, Monacensia

  2. Lieber Mikel,

    natürlich habe ich es gelesen, ganz und gar. Die Zusammenstellung ist wirklich klasse. Und weißt du was? In meiner Schulzeit war das „Thusnelda“ noch geläufig, aber ich habe nie darüber nachgedacht, dass es in „Tussi“ mündete und wer eigentlich dahintersteckt. Ich habe viel geernt, auch über Frauenfußball, den werde ich jetzt gleich meinem Mann weiterspielen, denn der befasst sich sehr intensiv mit der Geschichte des Fußballs.

    Nächtliche Grüße
    Andrea

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