Aleppo in Seife, behäkelte Pistolen und Tango unterm Niqab

tl;dr
Austellung „BELOW THE SURFACE“ von Adidal Abou-Chamat im Kunsthaus Viernheim 04.09. – 03.10.2020.
Öffnungszeiten: Do.+ Fr. 15:00 – 18:00 Uhr + Sa. 10:00 – 13:00 Uhr // Der Eintritt ist frei.
Anfahrt.
Fotografie, Zeichnung, Video.

Nur vorbeilaufen konnte ich nicht, dazu war das Plakat im Fenster des Kunsthauses, in diesem meinem kleinen Städtchen, zu provozierend, auf den zweiten Blick.

Austellung „BELOW THE SURFACE“ von Adidal Abou-Chamat im Kunsthaus Viernheim 04.09. – 03.10.2020.

Auf den ersten vorbeihetzenden war es fast eine katholische Schwester, direkt gegenüber der Apostelkirche, dabei sitzt dort eine Frau den Spagat unterm Niqab. Mit Ballettschühchen. Schon rasselte es im Hirn. All das Gehetze, Gezerre, Gemache, Getue aus den Timelines der Social Medias wirbelte. Ich will das nicht diskutieren. Macht die Frau das vielleicht gerne? Immer wieder geht mein Blick zu den Füßen und kriecht aufwärts. sucht nach dem Körper der Frau. Ist das mein innerer Voyer? Ich stelle mir die Frau im Tutu vor. Langweilig.
Feministische Ausstellung? Mögen das Frauen entscheiden, das ist so schwierig, wie die Niqab-Diskussion. Aber ich bin neugierig. Was kann Kunst da sagen? Wieder einmal hüpfe ich zur Vernissage im Kunsthaus!

Abidal Abou-Chamat „Dreaming of …“ 2014

Tatsächlich ist das Plakatbild eine Serie von 12 C-Prints. Eine Tänzerin an der Stretch-Stange. Der Titel passt zur Ausstellung. Dreaming of. Nur, wer träumt da? Ich? Die Frau unterm Niqab? Die Künstlerin? Was ist da „Below the surface“? Unter der Oberfläche? Tief unten drin? Geheimnisvoll und überraschend. „Transkulturell“ nennt Dr. Pamela Pachl die Intensionen, in ihrer Laudatio zur Vernissage, hier beim Kunstverein eingestellt. Yepp, auch bei mir machte es Bämm! Der kleine Voyer schämt sich dann im Obergeschoss, wenn auf einem Bild die Abaja weit offengerissen ist und dort zwei Kunststoff-Lappen als Brüste hängen. Provoziert!

Abidal Abou-Chamat provoziert im Kunsthaus Viernheim. Nein, das ist kein Girl von Seite 3.

Das hat dann mit kulturellem Crash nur noch vordergründig zu tun.

Die Ausstellung bearbeitet aber auch Homophobie, Kolonialismus und, ja auch Terror.
In einem berührendem Video sprechen die Mütter eines Terroropfers und der Selbstmordattentäterin. In einer fast lyrischen Sprache. Man*frau beachte das Kleid, als ob es im Schaufenster eines Klamottenladen stände, mit Taschen für den Sprengstoff.

Screenshot aus „Memory-Lines“ von Abidal Abou-Chamat

Überhaupt Bekleidung. Abidal Abou-Chamat lässt Klischees humpeln. Darf man da lachen? Kann man das Online bestellen? Für die Fastnachtsparty. Cowboy und Indianer mal anders?

So vieles noch gäbe es noch zu erzählen, aber zu lange darf ein Blogeintrag nicht werden, sonst liest Mann*frau nicht zu Ende.

Ich war jetzt schon zwei mal dort und werde noch ein paar mal. Ihr auch? Jetzt kommt schon, sooo öde ist Viernheim jetzt doch nicht.

Ein Werk muss ich noch wirklich für mich entschlüssel. Die Beschriftung seht ihr oben im Beitragsbild.

Waschen wir Aleppo wieder rein oder weg? Was weiß ich!

Aleppo in Seife. Abidal Abou-Chamat im Kunsthaus Viernheim.

Ich konnte mich fast nicht trennen. Hinter einem schwarzen Vorhang dringt Musik hervor, als wäre es vor dem Kubus von Kentridge in der Kunsthalle Mannheim. Doch ich empfinde das so. Da sind so viele Berührungspunkte zu Kentridge, meinem Seelchen nach. Tango. Ein hinreißendes Video dahinter. Zwei verhüllte Frauen tanzen in einander versenkt. Tango. Frauen. Auf einmal ist das egal, wie auch die Kleider. Desire, Verlangen, Lust. Tanz.

Noch 3 Wochen zu bestaunen! Falls jemand mit mir hinwill, meine @adresse steht im Impressum.

Screenshot aus „Desire“ , Video von Abidal Abou-Chamat im Kunsthaus Viernheim