33, Medea, 33. #fbm18

Irgendwie liegt es am Tarifsystem der Bahn und der Verkehrsverbünde, eine endlose Geschichte, wer schreibt den Roman dazu? Mit meiner Zeitkarte kann ich Karten zu Weiterfahrt buchen, nur nicht online, wo kämen wir da auch hin. Also direkt zur Messe Frankfurt. Mit der S-Bahn statt der U-Bahn, ohne nochmal an den Automat rennen zu müssen. Man kommt dann nahe der Halle 4 zur Buchmesse, 4.1. 2018, wie 2017. Die Art+ ist dort beheimatet. Was auch immer das mit der alten Tante Börsenverein des deutschen Buchhandels zu tun hat. Eine der Attraktionen der Buchmesse für mich.
Da tut sich etwas! Virtual Reality! Viele Stände sind bebrillt, stellen Apps vor, aus der KI geboren, für Museen zum Beispiel. Seht die Website an, die für die #fbm19 wirbt.

Screenshot der Website Art+ Klick führt dahin.

Besonders beeindruckten mich die Stände des ZKM aus Karlsruhe, das seine neue Ausstellung „Open Codes“ promotete. Muss ich noch hin.
„Freier Eintritt, freies Obst, freie Getränke, freie Gedanken, freies WLAN, freier Strom.“ Wobei das mit den Verkehrsverbünden gen Süden noch komplizierter ist!
Das Beitragsbild ist mit einer Maschine dieser Ausstellung entstanden. Einfach verpixelt aber auch. Den Künstler habe ich mir nicht aufgeschrieben. :(
Und das ist der Hammer:

Stand des ZKM Karlsruhe auf der #fbm18 „
Post-Text Future. Die Welt als Datenfeld.
Nein damit ist kein E-Book gemeint, das scheint Schnee von gestern.

So eingeführt ist mann doch schon viel frohgemuter, denn wenn Mann (also ich) sich früher der Messe via Halle 3 näherte, überkam unsereinen immer ein schlechtes Gewissen. So viele Bücher, schon wieder. Ich werde sie nie lesen können – ich bin mit den alten noch nicht durch – schon gar nicht kaufen können. Ja, ja, die Umsätze der Branche gehen zurück. Hört man, liest man. Ob dies am Budget der potentiellen Leser liegen könnte, hört man eigentlich nie. Immer ist das Internet schuld oder die Jugend. Oder all die bösen Menschen, die nicht mehr lesen können und auch nicht wollen. Wie viele gekaufte Bücher werden übrigens wirklich gelesen? Was ist die Welt so schlecht, donnert das Feuilleton, obwohl gerade dort gewusst wird, dass auch der Literaturbetrieb schnödes BWL ist, mit Controlling und Kostenstellen, nicht nur die hohe Kunst des Semikolon und man etwas tun müsste. Innovativ. Was auch immer. Nein, damit meine ich nicht nur Blogs, die dürfen sich ja jetzt auch akkreditieren. Danke Messe.

Ich hatte eigentlich nur einen Tag eingeplant. Dieses Mal. Eine Verabredung scheiterte ganz kurzfristig. Na dann. Nur durch die Hallen trippeln, da gucken, dort nach seltsamen Büchern forschen. People-Watch. Keine Termine, keine Lesungen geplant. So getan am Mittwoch, dem Eröffnungstag. Fünf Stunden, dabei mindestens zwei auf der Angora verbracht. Die Luft war zum Umfallen, drinnen. Es herrschte Sommer im Herbst, die Glashallen wärmten unseren Dunst noch weiter auf. Ich sah dutzende von verwegen grinsende Autoren, nein keine inne*n, in die Kameras der Anstalten oder der Verlags-PR und anhängenden Agenturen grinsen, fast hinter jedem Pfeiler standen sie, mit ihren Werken zu Händen. Im Forum des Gastlandes sah man das findig. Keine Großausstattung. Aufnahmegerät für den Film: Das Smartphone. Das lange Kabel zum Ansteckmikro unter dem Sakko durchgezogen, als ob es eine Nabelschnur wäre, direkt auf der Bookfaire im fernen Frankfurt aufgenommen, das heimische Publikum zu beeindrucken. Was braucht man Ü-Wagen. :)

Mann begegnete Bekannten in den Gängen. A 12, als ob wir in den Mannheimer Quadraten wären. Kurzes Hallo und weiter geht’s, die Geschäfte rufen, wir sind ja nicht beim Besuchertag. So viele Stände. Die großen Fetten, der Protzverlage. Die mit den Nobelpreisträgern. Das fehlte dieses Jahr. Kein Nobelpreis für Leute, die keiner kannte. Google hatte ruhige Tage. Dann all die kleinen Stände. Manchmal hätte ich gerne nach einem Buch gegriffen, aber das sind ja solch kleine Kästen, hinten und seitlich mit Bücherregalen befüllt, davor sitzen und stehen die Standbetreiber, aber wer will die armen Menschen vertreiben? 2016 in Leipzig war ich ja selbst im Häuschen.
In Halle 3.0 traf ich überraschend den Verleger der „Edition Tintenfass“, und Chef der „Kleinen Buchmesse im Neckartal“, der mir den Weg zu seinem Stand wies, den er sich mit dem Wellhöfer Verlag teilte.

Symbolbild Stände auf der #fbm18 Hier Wellhöferverlag. Über die Köpfe geknipst. Schön grau „Bunt braucht keine Farbe“ (Mit einem Beitrag von mir drin.)

Natürlich war ich am Stand der Kleinverlage und Selfpublisher. Nein, konnte ich nix empfehlen. Die Preisverleihung des Publisherpreises verließ ich ziemlich bald, das war zu seltsam moderiert.

Logo des Sefpublisherpreis 2018

Nach zehn Minuten war noch immer nicht von den Preisträgern die Rede. Ob das daran lag, dass Sarrazin vorher las?

Dann aber das Gastland Georgien. Im Forum, über der ARD, wo gerade die Buchpreisträgerin las.

„What hat do we have to offer to the cultural treasure of the European Nations? Two-thousand-year-old national culture, democratic system…“ Gastland Georgien auf der #fbm18

Georgien, so unbekannt.
Und problematisch, politisch. Ich kannte nur Schewardnadse, den Außenminister Gorbatschow, der durch eine Rosenrevolution in Georgien zu Fall kam. Hhm.
Nichts davon war in der Ausstellung zu sehen.

Georgiens Schrift hat 33 Buchstaben. Das wusste ich nicht. Sieht gut aus. 33 Skulpturen informierten über die Kultur und die Literatur. Das war sehr ruhig kuratiert, fast meditativ die Stimmung.

Buchstabe 26 in der Ausstellung des Gastlandes Georgien.

Es gab reichlich Foren, wo Schriftsteller vorgestellt wurden, selten übersetzt. Georgisch scheint eine der Sprachen zu sein, der man zuhören kann, ohne etwas verstehen zu müssen. Vielleicht war ich aber nur froh sitzen zu können, nach all den Wanderungen durch die Welt der Bücher. Ich trank unten auf der Agora eine Rieslingschorle. Pfälzer Riesling. Die Standausschenkerinnen staunten, dass ich ihn kannte. Bad Dürkheimer. tss.

Ich lief langsam durch 4.2 und dann gen Ausgang. Es ward Abend, es ward Mittag, der 2. Tag.
Zwei kleine Begegnungen. Ich war erst zu Mittag gekommen. Und dann der erste Grund für den 2. Tag. Juna Grossmann stellte ihr Buch „Schonzeit vorbei – Ein Buch über den alltäglichen Antisemitismus“ vor. Wie man liest so etwas wie eine Auftragsarbeit von Droemer-Knaur. Junas Blog lese ich schon lange und wir sind Follower auf Twitter. Ich wollte sie gerne einmal persönlich sehen. Eine interessante Frau mit einer Mission: Jüdisches Leben darzustellen in all seiner Normalität und Verletzlichkeit. Kauft das Buch! Lest ihr Blog. Sie schreibt an einer neuen Serie, gar Buch? Über das Jüdisch-Sein im Alltag.
Wir trafen uns ganz kurz vorher, eher zufällig. Den Kollegen von Droemer stellte sie mich als Twitterer vor. Dann dieser Blick, den ich von so vielen Tweetups kenne, von den Nichtbeteiligten Mitarbeitern. „Sie sind also ein Twitterer?“
Es war noch Zeit und ich zog wieder durch die Gänge, als mich ein Tweet in der Timeline zur Umkehr rief. Juna war beteiligt an einem Podium und das drohte gestört zu werden, man rief nach vielen Lauschern, auch zum Schutz. Ging ich hin.


Das war interessant und natürlich kamen keine genauen Ergebnisse heraus. Hört selbst. Als Czoller dann das HAU ansprach, fragte ich mich dann doch, ob die Zuhörer in Masse das kannten. :)
Dann die Buchvorstellung am Stand von Droemer. Die Stände der großen Publikumsverlage meide ich normalerweise. Ein Riesenungetüm hatten sie da in die Halle gestellt. Berge von Bücher getürmt.
Dann ging es los.


Ein Gespräch über Junas Leben, ihren Befürchtungen, ihren Ängsten, ihrem Tun. Nur über das Buch wurde nicht gesprochen. Kein Wort über den Inhalt. Nicht für mich, ich habe es zu Hause. Rührte mich seltsam an. Kurzer Abschiedswink, der Signierstand rief.
Das war’s dann für mich und die #fbm18.
Denn das Abenteuer Georgien ging weiter. Am Main. Der Holbeinsteg verkündete es.

Banner zur Ausstellung „Medeas Liebe“ im Liebighaus Frankfurt. Klick führt zum Digitorial.

Denn das Goldene Vlies fanden die Argonauten bei Medea in Kolchis, einst ein Teil Georgiens. Griechische Helden und eine Georgische Prinzessin. Uralt, klug zusammengetragen und ausgestellt. Die Geschichte der Medea, auch die brutalen Szenen mit gekochten Menschen, meist auf Amphoren oder Kratern, das sind Schorle-Mischgeraäte im alten Griechenland. :).
Das Knipsen war leider verboten, aber das Digitorial zeigt euch sehr viel!
Und der Buchmessebezug?
„Anlässlich des Auftritts der Republik Georgien als Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse werden im Rahmen der Ausstellung auch herausragende Bronze- und Goldobjekte aus dem Georgischen Nationalmuseum präsentiert.“
Sehr imponierent. Das ist kein Land, aus der Sowjetunion herausgefallen, sondern ein uralter Kulturraum, von Griechenland beeinflusst, an der Grenze zu Asien. Die Ausstellung wird dabei auch von Piepsern beschallt. Die Exponate sind recht klein und manfrau versucht sich zu den Vitrinen hinzubeugen und schon meckern die Näherungsschalter.

Für mich das Highlight der Ausstellung:
Der junge Polydeukes, Sohn des Göttervaters Zeus, trifft auf den furchterregenden Amykos… die experimentelle Rekonstruktion der Bronzestatue des s.g. Faustkämpfers vom Quirinal.

Screenshot des Instagram-Accounts @polychromyresearchbb

Zum Instagramaccount

Ich stand bestimmt 10 min vor diesen Statuen. Fasziniert davon solche „alten“ Dinge neu zu sehen. Der Film zur Entstehung in der Ausstellung….
Ich kann das nur empfehlen. Liebighaus „Die Liebe der Medea“ vom 5.10.2018 – 10.2.2019.
Mein zweiter Besuch im Liebighaus nach dem Tweetup und nicht der letzte!
Zum Schluss noch der Fußweg entlang dem Main, vorbei an den Babeln der Skyline und es war Mitte Oktober und ich aß und trank im Freien vor der Kulisse des Historischen Museums. Im Hemd. Um 20:00.