Mitten im Sommer zur Nacht

Ein leichter Wind wedelt Barock aus den Subwoofern durch die Riesen, betört die Blätter, die sich sonnen, still steht der Mais, lässt sich kleine Wedel wachsen. Unrasiert, die Felder reifen das Korn stechen den Hafer. Asparagus wächst auf Spargelhügeln. Ferne Hügel grüßen Richtfunkmasten. Alte Antennen sehen fern, greinen leise Kuhlenkampf. Kirschen röten, Rüben dürsten leicht. Eichel hähern zu den Straßenbahnen, Bussarde fuchsen Autobahnen. Mein Schlaf staut Geigen, wolkt in Rosa. Grau bläst weiß im Balett ungeregneter Wolken. Kleine Kissen küssen bald meine Stirn. Bald morgent das Rot über den Hügeln, die sich Berge nennen. Ein leichter Wind treibt Schuppen auf die Tastaturen, regnet Vogelzwitscher. Fern dröhnt ein Google durch ein Plus. Kein Facebook haucht. Ich atme Ruhe zu den Sternen, dort, die man bald sehen wird…

Das kleine Glück

hatte Ausgang, trieb sich wohl wieder in den Gedankengossen herum, wühlte hier in Erinnerungen, stachelt dort lodernde Gier, puschte Erfüllung. Wie füllt man Glück? Mit der Spicknadel der fetten Jahre läuft der Saft der Behäbigkeit die inneren Narben hinab, schließt die Krater, streichelt die Ängste hinunter, dort wo die Wahrnehmung mit der Scham schläft und Alpe zeugt. Eine Fülle abgelutschter Theorien trudelt im Rausch der Bedeutung durch die Alleen und bedeckt die Böden mit geknackten Nüssen. Die Nussknacker seufzen im Entspannungsbad, spielen mit zuckenden Muskeln ihre Arbeit in den Schlund der Zeit. Große Sekunden tanzen um die Tentakel des kleinen Glücks, trudeln die haarigen Zustände zu Zöpfen, brezeln sie auf blanker Haut. Da hast Du großes Glück gehabt dröhnt eben jenes und frisst auch dieses kleine Glückchen, wie all seine Geschwister von Anbeginn seiner Geburt. Dürr und ausgelaugt legte sich das große Glück darnieder zu all den anderen Katastrophen, Niederlagen, Unzulänglichkeiten und seufzte laut, gierte nach Nahrung und gebar eine neues Glückchen, säugte es mit den Spitzen abgekauter Gedankenblitze und schon bald hatte es Ausgang, das kleine Glück. Komm her bleib bei mir, hei kleines, Baby, stay with me, Montag ist erst morgen, hei Du, ja Du, komm, komm, komm mit mir.

Schneewittchen

Freudenberg, Drei Glocken, Beltz und Stilbruch las ich, als der Zug langsam in den Bahnhof einlief, ich hätte Elfriede mitbringen sollen. Meine Tante schwärmt für die Fensterlederclones von Vileda und wäre über eine Nudelfabrik in Entzückung verfallen, vor allem weil der Lieblingsverlag ihres verstorbenen Gatten daneben lag. Paul war Sozialpädagoge und er hätte bestimmt gesagt: “Machen wir ein Problem daraus und dann reden wir darüber“. Stilbrüche eben, scheinbar sind sie hier alle in einem Bistro zusammengefasst.
Seufzend stieg ich aus und fragte mich nicht das erste Mal, welcher Teufel mich denn ritt, überstürzt in Weinheim auszusteigen. Die Bahnhofsgaststätte verschlossen, „schunn iwwa e Joar“, erzählte mir der örtliche Wachtturmverkäufer, was immer er damit auch sagen wollte. Meine Koffeinsucht drängte mich Richtung Innenstadt, denn Stilbrüche trug ich bereits genügend in mir. Zwei Burgen sah ich an den Hügeln kleben, die sich hier Berge nennen. Ich kam geradewegs aus Kärnten, da bleiben solche Vergleiche nicht aus. Eine Burg sei erst 1920 oder so entstanden, von Burschenschaftern erbaut, was es nicht alles gibt. Burschenschafter, na ja, das wird der Gastronomie sehr entgegen kommen, ich sah die Füchse mit den Kappen wackeln und auf Humpen deuten. Ich war sehr unpolitische diesen Herbst, selbst in Kärnten, Sie wissen schon warum.
Am Kiosk hatte mich mir eine Lokalzeitung gekauft. Weinheimer Nachrichten, Odenwälder Zeitung und Mannheimer Morgen teilten sich wohl den allgemeinen Teil, ich blieb beim Lokalkolorit. Sollte ich mir noch ein Buch kaufen, für die Rückfahrt? Bei Braunbarth waren zu viele Leute, ah schon wieder Beltz, die Buchhandlung zum Verlag. Magisch zog es mich hinein, schließlich hatte ich Urlaub. Ein Mann in einem Parka zog mich in eine Gespräch über die Jelinek, was mich Vertrauen fassen ließ. Ich zeigte ihm die Visitenkarte mit den handschriftlichen Notizen. Die Adresse war durchgestrichen. Nur Weinheim/Bergstr. war noch gedruckt zu lesen, darunter stand:

Schneewittchen erwartet des Knaben Wunderhorn in der Straße 17.

Ich errötete und erklärte mich: „Ich traf die junge Dame im Bahnhof von Spital/Drau und wir teilten uns das Abteil bei der Fahrt nach Salzburg. Die grandiose Natur ließ mich wohl sentimental werden, ich nannte sie wegen der fehlenden Urlaubsbräune und ihren schwarz gefärbten Haaren Schneewittchen und fragte sie beim Abschied nach ihrer Telefonnummer. Sie schob mir wortlos diese Karte in die Hände und küsste mich auf die Wange. Nach zwei Tagen in München packte mich doch die Neugier und auf meinem Heimweg stieg hier aus.“ Der Mann grinste kumpelhaft und erklärte: „Schneewittchen wurde von einem Weinheimer Bürgermeister geschrieben, Namen habe ich vergessen, aber drüben am Amtsplatz gibt es eine Vitrine mit Informationen“. Im „Museum der Stadt Weinheim“ war die Vitrine zur Zeit nicht zu besichtigen, wegen Renovierungsarbeiten. Aber ich erfuhr wenigstens den Namen des Autors: Albert Ludwig Grimm. Ach deswegen des „Knaben Wunderhorn“, jetzt hatte es geklingelt, das war DER Grimm. Aber warum 17? Ich wollte nun endlich Kaffee trinken, aber ich verlief mich in den kleinen Gassen und stand urplötzlich in der Albert-Ludwig-Grimm-Strasse. Meine Hände wurden feucht als ich entlang einer Parkmauer entlang ging. Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof, aha der ehemalige Stammsitz der Viledaner. Da die Nummer 17. Evangelischer Kindergarten „Sonne“. Da stand auch Schneewittchen mit ihrer Tochter in der Hand und lachte mit ihr. „Papa abholen“, hörte ich nur noch, bevor sie um die Ecke verschwanden.

Geschah mir Recht. Alter Esel. Was wollte ich auch mit einer solch jungen Frau? Ich lachte laut über mich selbst und fand am Marktplatz ein spanisches Café, dort sollte ich vor deutschen Märchen und Sagen sicher sein. Beim zweiten Cappuccino begann ich ein Gespräch mit der Dame vom Nachbartisch, als sie endlich aufhörte über Windows, Web und Usiblity-Fritzen via Handy zu tönen. Sie sei aus „Linnefels“, erzählte sie, „net vun Wold-Mischlboch“, wie ich meinte herausgehört zu haben, man braucht ja immer Gesprächsbeginner. „Lindenfels an der Nibelungenstrasse, sehr romantisch, mit vielen Siegfriedsbrunnen in der Umgebung. Alles voller Sagen und Märchen“, säuselte sie nun im besten Standarddeutsch. Ich bezahlte überstürzt, trank aus und flüchtete.

Im IC nach Frankfurt las ich die Weinheimer Nachrichten, ich hatte mir ja kein Buch gekauft. Scheinbar hatte die Pisa-Studie auch dort Gegenmaßnahmen provoziert. Es gab eine Vorleseaktion. Die Zeitung schrieb sogar einen Kurzgeschichten-Wettbewerb aus. Ein Grinsen hüpfte über meine labello-losen Lippen und ich packte mein Notebook aus.