#theaterstream

Das war ganz großes Kino gestern Abend.

Böllstiftung: Schauspiel im Livestream – Fluch oder Segen?

Unerhörtes war geschehen. Ein leibhaftiger Kulturstaatsträger, ehemaliger Popakademiker aus Mannheims Hafenstraße im Jungbusch, nun auf dem Kreuzberg zu Berlin predigend, forderte Livestreams von den Theatern, um auch das niedere Volk am erhabenen Geschehen teilhaben zu lassen. Natürlich brüllte das „sogenannte Hochfeuilleton“ auf. Die FAZ, die Welt, das Deutschlandradio, wer weiß wer noch. Es ging wie üblich um das Abendland und Schiller, Goethe und Kleist töröteten wie dieser Elefant aus Neustadt. Aber wozu gibt es Stiftungen? Die Böllstiftung nahm sich des Falles an und #tätä, eine Podiumsdiskussion sollte das lösen. Podiumsdiskussionen lösen immer alles. Deshalb gibt es keinerlei Konflikte auf dieser Welt.
Um die Sache schön realistisch zu gestalten, ließ der Dortmunder Intendant ein Stück live streamen (aber huch aber auch ganz weit von Dortmund nach Berlin) aber nur den Hochwohlgeladenen , denn eigentlich dürfte das Stück laut Autorin gar nicht gestreamt werden, aber der Verlagsvertreter saß ja dabei und passte auf, dass kein Lichtschimmer ans gewöhnlich Volk geriet, wo doch Durs Grünbein in seiner Büchnerhaftigkeit selbst es übersetzt hätte. (Was für mich nun keine Einladung wäre das Stück zu sehen).
Aber die Diskussion wurde gestreamt. WELTWEIT ins Netz. MIT #Hashtag an der Wand.
Vom Moderator vorgestellt die Diskutanten, mit allen akademischen Titeln, bisherigen Arbeitsplätzen und wie Adelsbriefe die Ehrungen und Festivaleinladungen als Fahne vorher prozessionisiert. Schön, man hätte das auch auf ein Blögchen schreiben können oder so, aber dann hätte man ja eine URL unter den #Hashtag an die Wand projizieren müssen. Man sollte das mit dem Digitalen ja nicht gleich übertreiben.
Sogar die Kuratorin der re:publica (sic) erzählte, Honigkuchen grinsend, etwas von der Netzgemeinde und wie man streamte, denn nur die re:publica kann so etwas in Berlin. Hatte nicht schon der Doge der Netzgemeinde prophezeit, er würde die Bloggerie von der Subkultur in die Kultur hiefen. Hhm. Wäre ich im Bundesvorstand der Grünen, würde ich mir den Böll-Laden mal vornehmen und fragen, warum dorten niemand weiß, dass die BDK schon seit Jahren live gestreamt wird. Und gestern auf Arte der Fidelio aus der Scala live, mit youtube-backstage hatte auch niemand gesehen? Ja, ja, das konnte man in Deutschland nicht sehen, wegen der Rechte, dabei hat der 12 jährige Enkel der Oma Augen rollend das über ein Proxy aufs iPad gelegt. Herr @Bahrenboim, der ja auch twittert, wird viel Arbeit haben in Berlin!
Aber dann die Diskussion. Niemand wusste nix genaues nix und man müsste halt mal probieren, aber richtig und so ganz paritzipativ….Ich lächelte. Niemand las den #hashtag mit, auf Twitter tobte die #theaterstream Timeline, es gibt von http://nachtkritik.de hier ein Storify dazu. Wie gesagt. Das war ganz großes Kino.
Die Diskussion mit dem Publikum vor Ort wurde auch vom Moderator so geführt, dass doch der Herr Puppentheaterprofessor und die vom Thalia und der vom Ulmer Theater, etwas sagen sollten, die hätten doch so was schon gemacht. (Deshalb saßen sie ja auch nicht AUF dem Podium 🙂 ) Nur zum Schluss ein Herr, der dagegen war, weil es ihn ankotzt, dass im Kino Popkorn gefressen wird.
Am schönsten für mich die Szene, als Herr Intendant Kay Wuschek erzählte, dass jeder Berliner Jugendliche 3 Stunden auf sein Handy starre, mit den Achseln zuckte und sich fragte, wie er den ins Theater lotsen solle.
Nun: So ein Handy ist livestreamfähig in beide Richtungen. Die Faszination des Theaters ist doch, dass da leibhaftige Menschen agieren, vor leibhaftigen Menschen und beide Seiten könnten solche Livestreammaschinen haben und dann könnte man sich etwas erzählen, mit der Hand auf dem Touchscreen, dem Mund, mit allem, wie der Dönermann sagt. Wäre eigentlich gar nicht so schwer, oder doch, doch, aber lösbar. Es geht meines Erachtens nicht darum Kabale und Liebe live zu streamen, kann man machen, jo, aber warum?
Wenn man die große weite Welt des Netzes, samt seiner Möglichkeiten und Nutzer ins Theater laden will, an sich binden will, muss man das Netz interaktiv, partizipativ, in Augenhöhe AUF die Bühne lassen und wieder zurück. Manchmal, nicht immer. Mich würde interessieren, was Schauspieler davon halten, aber die sitzen ja nicht auf Podien, die spielen zu Hause das Geld in die Kasse.

Ein Vorschlag von mir steht hier. Jo, ich weiß ich nerve. Die Bürgerbühnen lassen die Bürger schon einmal auf die Bühnen, ohne Netz und doppelten Boden bisher, aber wer weiß. Das ist schon einmal ein Weg. Ich bin da gerade am Gucken….
Ganz zum Schluss dann der Oberknaller: Der Moderator verwunderte sich, dass die Theater das Marketing schickten, dort zum erhaben Orte der Live-Kommunikation. Jetzt lachte ich laut. Mache ich doch mit beim Marketing-Club der Bürgerbühne mit und auch in Mannheim, ist die Theaterwelt nur im Marketing digital.

Wie gesagt war ganz großes Kino.

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2 Gedanken zu „#theaterstream“

  1. Hi mikelbower,
    und Danke fürs teilnehmen und auf Twitter mitdiskutieren. Respekt auch für Polemik im Netz – muss so sein.
    Paar kleine Anmerkungen zum Verständnis:
    Vorstellung der Kolleginnen auf dem Podium – nicht jeder kennt die – und nicht jeder schaut parallel zu Hause in einen Blog. Kurz CVs trotzdem auf die Seite stellen – stimmt.
    Stück aus Dortmund: war als ein Beispiel sehr geeignet – Rechtelage ist so wie sie ist – und hat mit Rowohlt nichts zu tun – Testamentarische Verfügung von Sarah Kane.
    Twitterwall? Haben wir uns dagegen entschieden – in Berlin war die Endgerätedichte ca 90 %. Soll jeder selber entscheiden, ob er das „zweite Gespräch“ sehen will. #rennersen war definitiv drin – viele Kolleginnen (z.B. Laura Diehl vom HAU) haben ja auch aus der VA getwittert..
    Zuschauer draussen wurden begrüsst und verabschiedet durch Moderation (siehe YouTube) und durch Admin.(siehe storify tweetline) diverse tweets wurden verlesen (siehe YouTube). Verspäteter Anfang wurde entschuldigt – besser pünktlich sein – stimmt auch.
    Ulm, Ernst Busch, Kiepenheuer und Thalia Theater – haben eigene Erfahrungen, wissen Bescheid, waren eingeladen – und hatten das Wort – ob die Kolleg/innen jetzt da oder dort im Saal sitzen……..
    Am Rande: Die Böll Stiftung streamt seit mehreren Jahren einen Großteil ihrer Veranstaltungen – danach als Dokumentation auf Website und You Tube Kanal. Die Konferenz http://www.theaterundnetz.de ebenfalls im nächsten Mai zum dritten Mal gemeinsam mit NK. mehr siehe:
    http://www.boell.de/de/2014/12/12/schauspiel-im-livestream-wenn-schon-dann-richtig
    und natürlich Dossier und Aggreagtion auf http://www.nachtkritik.de
    Schöne Grüße nach Mannheim – Christian

    1. Ich habe nur die Außensicht beschrieben, aus meiner Warte. Eine geschlossene Gesellschaft, die gar nicht nach außen kommunizieren will. Sorry, aber eine gestreamte „Diskussion“ über einen Stream, der nicht öffentlich zu sehen war erschien absurd. ..

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