Suntne Angeli?

Bianca Garde plant ein eBook. Bianca ist regelmäßigen Besuchern dieses Blogs als Veranstalterin des Adventspodcast bekannt. Sie veranstaltet jetzt eine Blogparade über den Arbeitsplatz der Zukunft für Wissensarbeiter. Hatte ich gelesen, bin ich nicht, abgehakt, bis Bianca den Link zu Uwe’s Blogpost twitterte und ich erschrak. Zutiefst. Ich las (Zitat) „Damit wird es meinem Arbeitgeber möglich, zu atmen“. Und ich schluckte. Und dann wurde ich von Bianca und Uwe auf Twitter aufgefordert doch etwas zu schreiben und also beschloss ich zu paradieren.

Vor fast einem Jahr postete ich dieses Gedicht

Atme Fabrik, atme,

atme mich ein
atme mich aus
aus aus aus
und noch mal
ein ein ein
was gibt es
mehr als dein
Fabrikchen zu
sein HERR!

freudenberg

Ein lyrischer Kommentar zur Zumutung einer totalen, nicht selbst verantwortlichten Verfügbarkeit.

Sag nicht human zu Resources!

(Der Einfachheit halber noch einmal hier eingestellt)

Einer der wenigen Male, da ich meinen Job ins Blog brachte. Die Sache ist auch noch nicht ausgestanden, das mit der atmenden Fabrik, vielleicht ist es die Zukunft, ich befürchte es sogar. Ich bin Schichtarbeiter in der Produktion, mit dem Blick zur doch schon nahen Rente, es wird einem vieles egal, es trifft nur noch für ein paar Jährchen zu, wenn überhaupt. Und doch. Das regte mich auf.

Und da gibt es Menschen, gewiss symphatische, die Solches freiwillig tun wollen, sich möglichereise in die Spirale der Selbstausbeutung bewegen wollen, ohne Tarifverträge, ohne einen Hauch von Solidarität gemeinsam Handelnder? Der totale Verzicht auf irgendwelche organisierte Kollegialität? Alles alleine aushandeln, ohne zu bedenken vielleicht über den Tisch gezogen zu werden? Für mich läuft das alles auf eine negative Versteigerung hinaus, wie sie in den frühkapitalistischen englischen Bergwerken üblich war. Der Patron versteigerte die Berechtigung zur Arbeit im Schacht, Flöz für Flöz an konkurrierende Steigergruppen, die sich unterbieten mussten, damit das Unternehmen atmen konnte. Nein, so schlimm will das niemand mehr, ich weiß, obwohl wenn man so manche US-republikanische Stimmen hört……

Ich denke es wird einige Kämpfe geben,

bis das alles in Tarifverträge gegossen ist, Rückzugskämpfe aus paradiesischen Zeiten von heute, als man noch halbwegs sein Privatleben planen konnte, jenseits des Zwangs Geld verdienen zu müssen. Reden wir nicht von den Sklaven mancher Zeitarbeitsfirmen, den Menschen, für die es eigentlich Mindestlöhne geben müsste. Dem unteren Rand der Gesellschaft, der Schattenwirtschaft, dort wo die ach so gepriesenen Mini-Jobs … und dann lese ich da, wieder bei Uwe, „Zugleich gibt es in Zukunft Plattformen, auf denen ich meine Skills für sogenannte Microjobs anbieten kann“… und es schüttelte mich.

Ich denke auch an viele Texter, Künstler, Musiker, die ich kenne, immer an der Armutsgrenze, immer alleine vor sich hinwurschtelnd, Galeristen ausgeliefert, Sponsoren, öffentlichen Auftraggebern. Bohème ist selten lustig, auch wenn sie digital daherkommt, vor allem im Alter, wenn die Kraft nachlässt. Ich denke da an den 78 jährigen Designer um die Ecke, der nicht aufhören kann zu arbeiten, rentenlos, nach Herzinfarkt..

Nein, ich will jetzt mit keinem sozialistisch-gewerkschaftlichen Zeigefinger wackeln, nur Nachdenklichkeit einfordern, wenn es denn beliebt. nachdenken über die Geschichte der Arbeit, die Geschichte der Arbeitenden. Und nicht nur der Wissensarbeiter. Die Zusammenhänge größer sehen, weiter…

Vielleicht gilt das ja aber alles in der „Wissensarbeiterökonomie“ nicht und doch mir kam der Satz „Suntne Angeli?“ in den Sinn, aus einem uralten Theologenwitz. (Sunte Angeli? Sind es Engel? , stand lapidar auf einem eingereichten Bauplan eines neuen Priesterseminars. Man hatte die Toiletten vergessen…)

Bei all diesem solistischen Arbeiten der Cloud-Gläubigen, den fröhlich wechselnden Co-Workern ( „Coworkern“ ließt sich immer so nach Cow ;-)) der Leistungsfanatiker jenseits der Anwesenheit… sind das Engel, Geistwesen, die keine menschliche Interaktion brauchen? Blicke? Gesten? Gerüche? Vertrauen durch langjährige Arbeitsbeziehungen? Was passiert mit all dem Social Media, wenn ein solches Wesen krank wird, nicht mehr so kann, wenn die Micro-Jobs ausbleiben, wenn das erworbene Wissen wegen neuer Entwicklungen nichts mehr Wert ist, nicht mehr gebraucht wird?

Wie gesagt, ich bewege mich sanft auf das Ende meines Berufslebens zu, ich denke nicht mehr über „meinen“ zukünftigen Arbeitsplatz nach, der wird irgendwann auf der Wiese mit einem Netbook auf der Decke sein, ganz wie beschrieben, Gedichte schreiben, aber eben als Rentner 😉

Ich möchte nur Anstöße geben in dieser Parade, Gedankenwinden von mir geben…. nachzudenken, nicht alles begierig aufzusaugen, ja gesellschaftspolitische Naivität nicht aufkommen zu lassen und erdverbunden zu denken, den Kopf nicht in der Cloud zu verlieren…und nach den „Sunte Angeli?“ auch zu fragen „Cui bono?“ „Wem nutzt das?“ Wirklich mir, meiner Familie, meinem Umfeld, uns allen, oder doch nur den Wenigen, wie immer?