Standarddialekt

Gedankenwinden zu einem Blogposting im Wortfeiler von Barbara Piontek.

bock12
Ich spreche Dialekt, es ist meine Mutter- und Vatersprache, ich schreibe Dialekt. Die Standardsprache erlernte ich, wie fast alle hier, aus #mygeneration, in der Schule. Mehr oder weniger, wie später Englisch, das aber auch von den Nachbarn. Ich spreche auch nie ein formvollendetes Schriftdeutsch, der Dialekt ist immer erkennbar.
Als ich 1970 mein erstes (Laien-)„Musical“ „Live“ schrieb, legte ich „den anderen Menschen, den Spießer“, der gegen die langen Haare wütete und dem „Adolf“ nachtrauerte, in Pfälzisch an. Es dauerte Nächte, bis ich meinen Freund dazu überreden konnte, den Part zu übernehmen, er wollte nicht als „dumm“ gelten. Es dauerte, bis ihm dämmerte, dass er ja „schauspielerte“.
Die Rolle des Dialekts, liebe Barbara war schon immer ambivalent, das Image. Ich verweise da nur auf die Buddenbrooks. Es gab Zeiten, in denen „die da oben“ zur Abgrezung nur französich unter sich parlierten, wie heute so viele denglischen. Aber das ist heute eigentlich nicht mehr so das Problem.
Überhaupt, was ist denn dieser Dialekt genau?

Es gibt dabei unzählige feine Variationen zwischen Standarddialekt und dem lokalen Dialekt und wieder zurück. Bei uns wenigstens. Diese Varianten sind auch bei einem einzigen Sprecher durchmischt, wenigstens bei uns. (Zum Vergleich höre man den „Neckar-Brückenblues“ von Joy Fleming versus dem Gebabbel eines Bülent Ceylan. Beides Mannheimer.) In der Fabrik wurde selbstverständlich bei der Arbeit auch Dialekt gesprochen. Was dazu führte, dass sie erste Generation der „Gastarbeiter“ auch eher pfälzisch radebrechte, als „hochdeutsch“. Es war z.B. immer lustig, wenn der „schwäbische“ Türke (vom Daimler kommend) sich mit dem „bayrischen“ Spanier (vom BMW) kabbelte, wie auch immer man das Geradebrech nennen wollte.

Was ich aber gar nicht nachvollziehen kann, liebe Barbara, ist die Wertung des Standarddialekts (wie ich die Schriftsprache für mich nenne) und einem lokalen Dialekt, am Beispiel Schweiz und Österreich. Klar sind die (deutsch)schweizer Dialekte sehr dominant und ich kenne die Trennung zwischen Dialekt und Schriftdeutsch auch nur von dort, das entweder oder, aber Österreich? Übrigens sehr interessant die Entwicklung in Luxemburg, wo Lëtzebuergisch auch Staatssprache ist.

Ich glaube du solltest dich in Süddeutschland umhören… Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, jedweder Couleur, die Minister in Bayern, lassen niemals verkennen, woher sie kommen und zu Hause, im Wahlkreis, sprechen sie auch Dialekt, bzw. eine der vielen leicht angehochdeutschten Varianten, was manchmal sogar komisch klingt. Die Schwaben werben so gar damit: „Wir können alles, außer hochdeutsch!“ Obwohl auch in Stuttgart der Dialekt sich wandelt, oder das Allemannisch in Freiburg. In Mainz und Frankfurt schämt man sich, zumindest bei der Fasenacht, auch nicht rheinhessisch zu babbeln, obwohl die Schriftsprache auch bei „Mainz bleibt Mainz“ immer mehr verwendet wird.

Bisher also war das ein eher ein Miteinander bei uns. Es war. Der Dialekt, den ich spreche und auch schreibe stirbt. Eindeutig. Meine Kinder z.B. verstehen zwar den Dialekt, aber sie sprechen ihn nicht. Das hat sich einfach so ergeben, ohne Debatten, einfach so, weil es eben überall so ist, die Kumpels so sprechen. Ich habe das sogar als (Dialekt-) Gedicht thematisiert, siehe auch das Bild zum Beitrag. Sie sprechen eher eine ganz leichte lokal Variante des Standarddialektes. Da entstehen überall ganz neue Varianten. Wie soll das auch anders sein? Mannheim z.B. hat einen Migranten (= auch Sprach-) Anteil von fast 40%. Bei uns hier, in der Nachbarstadt sind es, glaub‘ ich > 20%. Tendenz steigend. Da werden auch ganz neue Sprachen gemixt, das wird spannend. Man gehe auf einen beliebigen Schulhof oder höre in der Straßenbahn zu, wenn das Schulschluss ist, oder den Damen und Herren, die nachts zum Club fahren, Alda, was geht?

Das ist weiter nicht schlimm. Weil der Dialekt nicht wirklich stirbt, sondern sich wandelt, wie Sprache überhaupt. Auch die Schriftsprache, nicht ganz so massiv, aber doch!
Wollen wir uns streiten, ob es „das Blog oder der Blog“ heißt? 🙂