Spielschar,

oder die Sache mit den Amateuren, heute auch wieder gerne Laien genannt, wie einst die Laienbrüder in den Orden, die halt nicht die hören mythischen Weihen erhalten hatten. Das Kultische eben, uralt, archaisch, wie das Theater z.B. selbst auch.

tl;dr
Amateure und Theaterprofis arbeiten schon lange zusammen.

Ich berichtete bereits, dass ich im Marketingclub der Bürgerbühne mitarbeite. Im Blog des Nationaltheaters für dieses Festivals sind ja bereits zwei Artikel von hier nach dort exportiert worden. Bürgerbühne, in Karlsruhe und anderen Orts auch Volksbühne genannt, versteht sich in diesem Sinn als Teil eines Staats- oder Stadttheaters. Wie üblich erstellt das Theater in all seiner Intendanz einen Spielplan für diesen Teil des Theaters, in Mannheim auch Sparte genannt und castet dazu „Bürger“ um mit ihnen Stücke zu produzieren. Dazu gibt es Spielklubs, die jetzt Clubs heißen, die sich mit theatralischen Dingen auseinandersetzen, ja sogar tanzen, um diese Dinge ggfs. ebenfalls zu produzieren. Es ist also kein klassisches Amateurtheater, sondern Stadttheater mit anderen Mitteln, um das Potenzial der Stadt zu erschließen und das reine Zuschauer-Abonnentensein zu durchbrechen. So weit ganz spannend.

Für dieses Thaeterblog wollte ich eine ausgedehnte Web-Recherche zum Thema Bürgerbühne starten. Google lieferte dazu 37100 Links. Puuh. Vorne die Häuser aus Dresden und Mannheim. Lobpreiset die SEO-Künste der Agenturen. Langweilig. Also gibt es buergerbuene.de? Ja und das ist ein e.V. für niederdeutsches Theater. Auch interessant, aber nicht das, was ich suche. Ah da, zum 1. Bürgerbühnenfestival eine Promotionssendung des MDR für das Bürgerbühnenbuch von Hajo Kurzenberger. Vorläufer die freien Theater, Schlingensief etc. Schon interessanter, aber je mehr ich mich umgucke, schreiben die Onlinegazetten Ähnliches, vergessen Fluxus und die Soziale Skulptur. Sie tun so, als ob 2009 die Kooperation zwischen Theatermenschen und Laien im gemeinsamen Tun in Dresden vom Himmel gefallen wäre.
Im Prinz kennt das Thema jeder Gesangverein, jeder Kirchenchor; wenn Profis als Solisten gebraucht werden, guckt man mal im Theater, wenn der Dirigent gerade keine Ex-Studienkollegen zur Hand hat. Es gilt darüber zu berichten. Dazu brauche ich kein Web.
Die eigene Familiengeschichte reicht. Wir sind nämlich eine Theaterfamilie. Nicht weil wir seit Generationen eine Theaterloge unser eigen nennen würden. Nein, ab und an überfällt es uns und wir MACHEN Theater, Amateurtheater. Eine meiner ganz frühen Kindheitserinnerungen ist der Zorn, der mich beschlich, wenn mein Vater mit seinen Kumpels im Wohnzimmer Text paukte und ich nicht hinein durfte.
Und dann die Akten. Hier in der Handschrift meines Vaters. Herr Rippert vom Nationaltheater. Aha.

Heinz Rippert ist gemeint.
Schauspieler, Regisseur, Oberspielleiter eben auch am Nationaltheater, Reinhardschüler, mit Gründgens gespielt, mit UFA-Filmografie. Er war Supervisor und wohl auch Regisseur für die Apostel-Spielschar in Viernheim, für die er sogar zur Glockenweihe das Stück „ Die Zwölf-Apostel-Glocke“ schrieb. 1948. Mitten im Chaos kroch als Erstes die Kultur hervor. Sie hatten fast nix zu essen, aber der geistige Hunger nach 12 Jahren Nazigehirnwäsche war groß. Na? Klingt doch schon eher nach der Bürgerbühnenidee.

Mein Vater im „Jedermann“

Mein Vater im „Verlorenen Sohn“

Ganz links meine Mutter in „Meier Helmbrecht“

Ach so ja: Von wegen neu:
Das Mission Statement der St. Apostel-Spielschar. Von 1950. Es hieß halt „Leitsätze“. 🙂

Dass ich auch Theater schrieb und machte erwähnte ich bereits, aber ich holte mir keine Hilfe. 🙂 Daher ist das in diesem Zusammenhang uninteressant.

Da war ich 13.

Ich war als Zuhörer auch dabei, in den 80iger, 90iger Jahren, als der ehemalige Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie 8u.a.) Albert Grünes in der Schlosskirche zu Mannheim um die Kollegen seiner Frau vom Chor des Theaters die „Singakademie Mannheim“ aufgebaut hatte und vornehmlich in Mannheims Schlosskirche konzertant Kirchenmusik aufführte, ohne dass sie Teil der altkatholischen Gemeinde gewesen wäre. Meine Frau hatte zumeist die Alt-Soli, auch ohne im Chor des Theaters zu sein. 🙂 Ich habe es miterlebt, dass trotz sorgfältiger Planung eine Pause eingelegt wurde, weil der Tenor noch auf der Bühne des NTM stand und während des spielfreien zweiten Aktes in die Kirche hetzte, sang und wieder zurückeilte. Im Kostüm (der Frack passte ja) und geschminkt.

Solche Stories wird es noch viele geben. Überall auf dieser Welt. Das Theater und seine Zuschauer begegneten sich schon früh und machten gemeinsame Sache. Dazu brauchten die Menschen keinen Schlingensief, ohne das schmähen zu wollen.

Ich wollte das nur aufgeschrieben haben, damit es nicht vergessen wird. Neu ist die institutionalisierte Teilhabe innerhalb der Theater, das bewusste Miteinander und darüber freue ich mich, wo doch da draußen in der Welt heftige Kämpfe toben zwischen Amateuren und Profis, zwischen Verlagsautoren und Selfpublishern, zwischen Bloggern und Journalisten. Alles Quatsch. Das Theater ist schlauer. Es nimmt die Leute bei der Hand, schiebt sie auf die Bühne und tanzt mit ihnen. Im Alter von Facebook like ich das zutiefst.