#schiller17

Dies sind Randbemerkungen, keine Rezensionen, gell.“ Eigentlich vornehmlich für mich. Ich kann ja auch mal Tagebuch bloggen. Vielleicht interessiert es ja noch jemand.
Also hier meine Besuche bei den 19. Internationalen Schillertagen am Nationaltheater Mannheim. 16. – 24. Juni 2017. Ich verlinke das einmal, wohl wissend, dass beim nächsten Relaunch der Website die Links wieder nicht stimmen werden.

Eigentlich hatte ich keine Lust auf Schiller. Keine Maria Stuart, kein Wallenstein, keine Berliner Tage. Ich wollte nur auf dem Theatervorplatz sitzen, bei dem Wetter und ein Bier trinken. Oder bei einem #schillout im Foyer zuhören.

Nils Bech #schillout #schillertage #nationaltheatermannheim

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Aber das wäre ja albern. Ich hörte also zunächst dem aktuellen Hausautor Akın E. Şipal zu. Schiller war ja der erste Hausautor des Nationaltheaters Mannheim. Deshalb veranstalten sie diese Tage alle zwei Jahre.
Ich bloggte ja bereits über Sipals Erstling. Ich mag seine Sprache und vorlesen kann er auch, und wie!
Auf Instagram erzählen die #internationale_schillertage das so:


Auf der Website des Theaters erklärte Sipal es so:
Zu diesem Zweck empfiehlt er ihn für ein Promotionsstipendium, mit dem er 1956 nach Münster kommt und dort meine aus Breslau stammende Großmutter kennenlernt. Aus den Istanbuler Jahrgängen, die bei Fricke studierten, ging eine Vielzahl von Autoren und Übersetzern hervor, deren Schaffen die Türkei bis heute prägt, darunter auch mein Großvater Kamuran Şipal.« — Akın E. Şipal
Er berichtet von seinem Großvater aus Adana, dessen Werdegang aus bescheidenen Verhälnissen zur Uni und seiner Großmutter aus Breslau und dann Wanne-Eickel. Alles ohne Pathos, zum beschmunzeln und zum bestaunen. Dieser Großvater hatte schon einige Seltsamkeiten und zum Schluss an die 80 Bücher aus dem Deutschen ins Türkische übersetzt. Darunter alle von Kafka, wenn ich mich recht erinnere. Erstaunlich auch der Werdegang des Doktorvaters seines Großvaters, Gerhard Fricke. Vom hetzenden Nazi und Buchverbrenner zum Germanisten in Istanbul und später Professors in Mannheim. Die „Brandrede“ des Herrn Fricke lässt Sipal von der Dramaturgie vorlesen Es wird also nichts ausgelassen und verschönt. Eine erstaunliche Erkenntnis zieht er aus dem Werk seines Großvaters: Es sollten mehr türkische Autoren ins Deutsche übersetzt werden, nicht nur die „politischen“, sondern auch die scheinbar unpolitischen, denn auch die würden in der Türkei als politische empfunden. Eine Wiederannäherung der Menschen via Literatur. Gar nicht schlecht, diese Idee. Ich hoffe es gelingt. Übrigens saßen während der Vorstellung links und rechts Ensemblemitglieder. Zum Teil gerade von einer Generalprobe gekommen. Ist immer alles sehr locker hier, auch beim Kaltgetränk anschließend beim #schillout, draußen, wie drinnen. Also vom Unmut des Ensembles, wie kolportiert wird, spüre ich nie etwas. Aber was weiß schon ich?
Es war nett an diesen heißen Tagen über den Theatervorplatz zu stolzieren, alte Bekannte zu finden, neue Kontakte zu knüpfen.

Die Geisterseher bloggte ich ja bereits. „Geister und Realitäten“.
Ein Schillerfragment in der „Virtuellen Realität“.

Im Stück!

Gestern nun Bürgerbühne und Ensemble. Ich war gespannt. Wieder ein Schillerfragment. Demetrius.
SWR2 erklärt das sehr schön! (mp3 3:39)

Der Gegensatz Profi / Laie wurde gut gelöst. Schiller spielten nur die Schauspieler. Die Regie wirkte, wie so oft, dem Schillerschen Pathos mit Ironie und Kalauer entgegen. Vorab wurden wir durch die Katakomben des Werkhaus geführt, zu 3 Stationen, wo die Laien sich vorstellten und oh Wunder, ein wahrhaftiger Rechner verband uns via Skype mit Myanmar (wenn es denn nicht gefakte war), das gerade aus einer endlosen Diktatur auftaucht. Ein Syrischer Mitbürger sprach in ein Smartphone und wir hörten aus dem kleinen Lautsprecher die Übersetzung. (Off Topic: Sag ich doch immer #theaterimnetz muss von der Bühne her kommen, inszeniert sein! Übrigens setzt das „Schillerteam“ im Netz fast ausschließlich auf Instagram mit InstaWall im Foyer.)
Das Drama nimmt seinen Lauf. Demetrius bekommt sein Heer um die Zarenkrone zu holen und an der Stelle, wo das Skript endet, gehen den Schauspielern sprichwörtlich die Worte aus, die Puste, sie hecheln nur noch Laute.  Sie finden unter der Straße Schillers Notizen und suchen jetzt ein mögliches Ende. Gar nicht schlecht gemacht. Übrigens, wie der Nachtkritiker meinen konnte die Straße wäre ein Schachbrett weiß ich auch nicht, er war scheinbar sowieso beleidigt, dass er dort hingeschickt wurde.
Das Ensemble wird nun ins Consulting getrieben, mit allem Moderatoren-Pi-Pa-Po und Rollenspiel, wie es heutzutage überall die Menschen in den Unternehmen nervt, es kam so mancher Lacher wohl deshalb zustande, man erkannte sich selbst. Dazwischen immer die Satements der Laien, die eher mutlos waren, die erzählten, das fremde NGOs die Revolutionen steuerten, man für das Demonstrieren Geld bekam. Das Ensemble unterzog sich weiter dem Coaching hin zur Revolution, der Schillertext wurde immer wieder abgewandelt. Gewalt oder Gewaltfrei. Quasi wurde ein Revolutions-Marketing betrieben. Es gibt viele Ebenen in diesem Stück, vielleicht zu viele, man muss hell wach sein, um mitzukommen, die Ebenen mitzugehen und ich hatte an der Marketing-Sache noch eine Ebene dazu. Dies war ein Stück der Mannheimer Bürgerbühne, einer Quasi-Fast-Sparte des Nationaltheaters Mannheim. Langjährige Blogleser wissen, dass ich vor zwei Jahren an einem Marketing-Club zum Bürgerbühnenfestival teilnahm. Jetzt sah ich uns geistig auch noch dazwischen.
Das Stück kommt übrigens zu keiner Lösung. Wie auch? Es endet mit einem Schlusschor des Ensembles. Schillers „Der Antritt des neuen Jahrhunderts.“

„….In des Herzens heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens Drang!
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.“

Hhm. lyrische Ausklänge sind immer gut, aber was soll es bedeuten? Stoff zum nachdenken lieferte das Stück allemal. Die Inszenierung fand ich gut, auch wenn man manchmal etwas vom Gas hätte gehen können.
Die Schauspieler spielten das raffiniert, auch wenn Julius Forster wohl immer ein wenig alberner sein muss als der Rest. Die Laien machten ihre Sache gut. Mir erschloss sich allerdings nicht, warum eine Österreicherin Myanmar repräsentierte. Das Casting war wohl schwierig.

Aber hatte nicht schon ein Mitarbeiter des NTM der Weisheit letztet Schluss bereits gefunden? Auf einem Kastenkunstwerk im Außenbereich des Festivalzentrums hatte er eine Notiz an alle angebracht. Kennt man ja aus jedem Museum und jetzt weiß ich auch nicht.

#schillertage #weisheit

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