Qualitätskontrolle: tl;dr: Geiles Stück mit Gedankendruck

screen_qualitaet Dies ist keine Theaterkritik. Sowas findest du anderenorts, du kennst dich ja aus.
Einfache Gedankenketten, die Theater auslöste,sind das, ich möchte sie aufschreiben, für mich. Wer daran partizipieren möchte: „Bitte schön“, sagte schon der Hasencäsar, das war schließlich Bürgerbühne, partizipatives Theater und ich schreibe hier als Experte des Alltags. Was auch immer ein Alltag ist. Oder gar ein Experte. Aber ich traf gestern eine Expertin, die ihren Alltag demonstrierte.
Qualitätskontrolle
NTM 21.03.2015 18:00
Qualitätskontrolle | Rimini Protokoll | Konzept/Text/Regie Helgard Haug und Daniel Wetzel | Bühne/Licht/Videomapping Marc Jungreithmeier |Bühne Marco Canevacci (Plastique Fantastique) | Video/Videomapping Grit Schuster | Musik Barbara Morgenstern | Dramaturgie und Recherche Sebastian Brünger | Produktionsleitung Heidrun Schlegel | Mit Maria-Cristina Hallwachs; Timea Mihályi und Admir Dzinic
Der Link zum Trailer. (Ist so markiert, dass man es nur dort abspielen kann, aber der Klick rentiert!)

Kein Schauspieler könnte das so darstellen. Aber es brauchte auch Theaterexperten dies auf die Bühne zu bringen.

Kein cooler Film, den man vor Podiumswichtigkeiten abspielen könnte oder mit den Betroffenheitschips am Fernseher betränen könnte. Direkt, von leibhaftiger Frau vor zahlreichem Publikum. Vorab: Die können das von Rimini Protokoll. Sie holen ihren vorauseilenden Ruhm lässig ein. Sie schaffen es tatsächlich den Lebensmut einer totalgelähmten Frau auf die Bühne zu bringen, ohne uns zu schonen, aber ohne je einen peinlichen Moment entstehen zu lassen. Zu den Peinlichkeiten komme ich später, die haben nur mittelbar etwas mit dem Stück zu tun. Dramturgisch geschickt demonstriert die Hallwachs – ja, ich benutze extra dieses Diven-Gedingse, denn da saß eine „Grande Dame“ auf der Bühne – zunächst ihren eingeschränkt-hilflosen Alltag bühnend, den sie aber trotzdem zu beherrschen gelernt hat, na ja so einigermaßen, schön spielerisch, mit Memory inklusiven Fußball spielend. Mit ihren professionellen Pflegern, die ihren Job unsentimental demonstrieren und doch ihre Lust und Freude am Theater teilen. Betörend die Szene als man uns an ihrer Langweiligkeitsbewältigung teilhaben lässt. Die vielen Zahlen, die ihre Wohnung symbolisieren, ihre Ausblicke auf Stuttgart, ihre Gedankenflüge über den zerstörten HBF bis zur Apokalypse. Langsam eingestreut die Versatzstücke, die das Finale langsam andeuten. Gesten schwangerer Mütter, von den Pflegern dargestellt. Und dann kam das erste mal die Qualitätskontrolle. Wir Industriekrüppel wurden ja von der ISO 9001 am Leben vorbei zertifiziert, jahrzehntelang. Die Protagonistin überlebte eine Ethikkommision und entschied selbst über ihr Leben und per Video urteilten wir Deutschen 1940 von den Naziexperten angeleitet über unwertes Leben und so manches Naziplakat erinnerte fatal an die Pegiderei. Ich wurde mit dem Rest unruhig, Beine überschlugen sich in die andere Richtung, die Pobacken rutschten. Was ist ein Leben wert, auch wenn es pro Stunde so viel kostet, wie ein Olivenbäumchen im Baumarkt, lebenslang? Was ist das Risiko Leben wert? Die rasanten Parcour-Fahrten rampaufwärts und rampabwärts ließen mich immer fiebern, ging es doch oft hart am Rand entlang. Mit einem Rollstuhl, der mit Atemluft? gesteuert wird. Grandiose Leistungen. Vor Publikum, da kommt keine shakespearischen Degeninszenierung mit. Tränen liefen bei mir spätestens, als sie ein Gedicht einer Freundin in die Textverarbeitung mit einem Mundstäbchen hämmerte, vertont und gesungen von Barbara Morgenstern, die das ganze Stück musikalisch begleitet, dezent-angenehm-dominant. Yeah! Ich würde gerne mit ihr twittern, doch, sie könnte das, denke ich, vielleicht. Sorry, aber das lässt mich nicht los. Twittertheater auch als Möglichkeit der Inklusion von auswärts? Übrigens, ich hatte mein Handy zu Hause vergessen 🙂 …..

Nach 1 ¾ Stunden endet das Stück dann in einer pränatalen Untersuchungsblase, aufgebläht mit heißer Luft und das Messer zum aufschneiden bereit, sicherheitstechnisch, wer da die Qualität wohl zertifiezierte, ich kann nicht anders, es ist indoktoniert? Ich rutschte wieder mit den Backen, obwohl meine Reproduktionskarriere mit 3 erwachsenen Kindern vorbei ist, aber die jungen Frauen im Theater blickten wissend. Und immer die Frage, was wollen wir wissen und welches Leben ist lebenswert. Danke, das war, auch ästhetisch, großes Theater. Hängt so manchen Pseudo-Lessing ab.

Dann die vorhergesehene Peinlichkeit, wir hatten im Club darüber gesprochen. Marketing-technisch waren ja Rollstuhlfahrer eine nicht zu übersehende Zielgruppe. Nur wohin mit ihnen? Natürlich wurde das dann irgendwie möglich gemacht, mit Lastenaufzug und Voranmeldung. Aber das Nationaltheater Mannheim kann man mit Rollstuhl nicht einfach so besuchen. Und ich hau‘ jetzt einfach mal einen Demografen d’rauf : Auch schlecht mit Rollator. Nein, das ist kein fingerzeigender Entrüstungsgeschrei. Einfach darüber nachgedacht, ganz selbstsüchtig. Es wird hoffentlich noch lange dauern, der Rollstuhl möge mir erspart bleiben, aber mit dem Rollator ins kleine Haus ginge ich gerne, ohne irgendwen bitten zu müssen, dereinst in der Ferne dieser Zukunft, die ich vielleicht habe.
Und die Gedanken wanderten. Garnicht so einfach, diese Barrierefreiheit. Das NTM steht unter Denkmalschutz. Hhm. Denkmalschutz. Könnte man ‚mal theatralisch verhandeln. Das Gebäude an sich, das Theater an sich. Ja, ja, der Castdorf aller Orten. Sägt am Denkmal Brecht, genießt den Bohai und versteht nicht, dass man in Berlin an seinem Denkmal sägt, das er in die Volksbühne setzte, aber vergessen wir’s, hier hieß es ja „Auftritt Volk“, braucht man keine Volksbühne ‚für, konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.

Da saß also die Hallwachs nach dem jubelnden Geklatsche an dem Abgang vom kleinen Haus und wartete. Ich weiß jetzt nicht, ob das gewollt war, um mit dem zuschauenden Volk zu kommunizieren oder weil sie wie alle Rollifahrer an der Seite warten musste, bis sie abgeholt wurde. Peinlicherseits traute ich mich wieder einmal nicht zu kommunizieren. Meine Dauerbaustelle: Wie spricht man mit Künstler (alle GattungInnen) vor und nach dem Werk?

Ich war dann noch kurz bei den 100 Dokumenten der Karlsruher, aber das war zu kurz um die Gedanken in das Blog zu tunken. Die Qualität wirkte nach. Wird heute nachgeholt. Vor dem Baal. Nicht von Castorf, aber mit Brecht. 🙂 Und dann werde ich in den Dortmunder Wigwam kriechen. Schwer was los in Mannheim. Man liest sich.