Nicht blinzeln – #cezanders

Michael Bauer vor „Portrait eines Bauern“, Paul Cézanne ca 1900, im Besitz von National Gallery of Canada.

Ich blinzelte nicht! Zwei Bauern halt. Man beachte, dass ich ein Hemd trug, fast in der Pantone-Farbe des Jahres 2018!
Ich war in der Ausstellung „Cézanne – Metamorphosen“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Noch zu sehen bis zum 11. 02. 2018.
Die Kunsthalle Karlsruhe hegt und pflegt ihre Blogger-Relations. Wie die Journalisten von Funk, Fernsehen und Print auch, kann man sich als Blogger akkreditieren. Der Wille auch im Social-Medi Bewerb mitzuhalten, zu locken, dokumentierte sich schon im Ausstellungsbanner. Musste ich twittern.


Das war dann auch der letzte Tweet.


Wie unsichtbarer Nebel hing eine Glocke aus Grau über der Oberrheinischen Tiefebene.

Alles war still, kein Windhauch, kein Regen. Grautöne um den Unbuntpunkt. Ich versuchte das vorgestern schon lyrisch zu fassen im letzten Post „Sommer noch so fern“. Irgendwie erscheint mir dann alles unwirklich, fast surreal. Ich bewege mich wie in einem Film, beobachte mich selbst beim schlafwandlerisch agieren. Ich nahm wieder die lange linksrheinische Strecke durch die Pfalz gen Karlsruhes Nachbarstadt Wörth-Maximiliansau, die zu unserem Verkehrsverbund gehört. Ich habe eine verbundweite Zeitkarte, also bezahle ich nur die 3 Waben S-Bahnkarte zum Europaplatz im badischen Karlsruhe. Es ist kompliziert. Als Lektüre hatte ich Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“ dabei. Genau! Das Buch, weswegen MRR die Löffler abbürstete und sie nicht mehr zu den literatischen Quadraten kam. Der Protagonist ist seitenlang in gleicher Stimmung. Alles passte. Nur leider nicht für eine Ausstellung. Ich musste erst meine Melancholie ablegen. Ich trabte durch die Räume, betrachtete schnell, umging wenn möglich die Museumspädagogik mit den Schulklassen. Suchte Lieblingswerke. Es ging mir, wie in der Neuen Pinakothek, da waren so viele Hits, die man aus den Gazetten und Büchern kennt, die in zahllosen Kunstdrucken überall hängen. Eine Blockbusterausstellung. Eigentlich wollte ich, wie in der Schirn bei Magritte kleine #twly zu ausgewählten Werken schreiben. Dann kam ich zu der Wand, wo stand, dass Rilke Cézanne zur Inspiration nutzte. Jetzt spuckte mir der Panther durch das Gehirn. Gegen ihn wollte ich nicht antreten. Überhaupt. Wie in fast allen Häusern, die ich in der letzten Zeit besuchte, waren auch die Ausstellungsräume grau. Schlammgrau las ich kürzlich, weiß nicht mehr wo. Schlammgrau und Texte in großer hellgrauer (bis weißer) Schrift. Das ist gut für die Bilder, besser als das grelle Weiß von dereinst, lässt sich auch besser ausleuchten. Ob das auf Barcamps für Kuratoren gelehrt wird? Es fiel mir schwer in diesem Schlammgrau dem Grau-in-Grau in diesem Draußen zu entrinnen. Es wurde voller. Einzelpersonen mit Audioguide. Gruppen mit Audioguide. Führungen mit Kopfhörer, damit die Kunstvermittler nicht stören. Es wirkt in meiner melancholischen Stimmung, als ob alle ihre Playlist hörten, von den Enkeln zusammengestellt,  oder SWR 1. Ja, es schien, als ob die 68iger Museumstag hätten. Wir wenigen ohne Kopfhörer blickten uns verstohlen-verschämt an, als ob wir den Unterricht schwänzten, nicht aufpassten. Ich ging ins Café. Erwähnte ich schon, dass die Gaderobe umplaziert wurde und die Kunsthalle jetzt auch einen Shop hat? „Rolf, wenn du einen Espresso hast, brauchst du keinen Kuchen, du hast Zucker.“ Auch hier begannen die 68iger einzufallen. Es gibt guten Kuchen in KA, so gut, wie der Kaffee. Wusste ich ja schon. Zurück in die Ausstellung. Die armen KunstvermittlerInnen hatten schon wieder andere Gruppen, fast ging es zu wie im Louvre. Ich änderte meine Taktik, gab das lyrische ganz auf. Lücken. Ich suchte Lücken und betrachtete die Bilder, die gerade frei waren. Nicht ganz im Sinne des Kurators, der übrigens auch mit einem Kunden umherschweifte, wie die Frau Direktor auch. Aber, was willst du machen, wenn man Bilder bewundern will. Ich bewunderte die Pixel, die der Künstler zu ganzen Dingen fügte. Impressionistische Bilder wirken auf mich immer, als ob man die Brille nicht auf hätte und deshalb alles verschwommen sähe, dabei schärfer. Es ist eigentümlich schön. Besonders der sitzende Mann hatte es mir angetan.

@mikelbower vor „Sitzender Mann“ von Paul Cézanne. Ausgeliehn vom Museo Tyssen-Bornemisza, Madrid.

Ich traute mich (66) vor all den älteren Personen nicht zu twittern oder zu instagrammen. Bestimmt würden sie eine Podiumsdiskussion beginnen, ob man das darf. Sie sahen alle aus, wie Zeitleser und hätten den Geifer-Artikel gelesen, auch gegen die Kunsthalle. Ich berichtete.
Bestimmt 5-6 mal hatte ich die Ausstellung durchwandelt, bis mir etwas einfiel. Ich nahm mein Handy, suchte meinen Degas-Artikel, vom Tweetup zu #dega_skk, an gleicher Stelle. Noch ein Impressionist. In Erinnerung hängte ich die Bilder geistig daneben und verglich. Auch gerade die Bilder, die Degas kopierte, zur Übung, wie Cézanne auch. Ich mischte sie mit den Delauny-Arbeiten im Hackmuseum und den Bildern von Matisse-Bonnard im Städel. Gerade gesehen, sieh die Links. Irgendwie hängt da bei den Franzosen alles zusammen, man kennt sich, liebt sich, hasst sich, bespöttelt sich, kauft sich gegenseitig Bilder ab.
Es ist eine gute Ausstellung, doch! Inspirierend.
Immer wieder blieb ich vor dem Raucher stehen. Aus der Kunsthalle Mannheim. 3 Jahre lang hing das Bild in der Arche-Ausstellung dort. Fast jeden Mittwoch war ich da als Rentner, ihr wisst schon, die Zeitkarte des VRN. Ich kenne den Raucher in- und auswendig. Ich könnte aber nicht sagen, was er mir erzählt. Er grinst, wie einst mein Opa und raucht seine Pfeife, innerlich über mich spöttelnd. Interessant vor allem die Farbverschiebungen, die wieder ein Ganzes geben, nicht ganz so verpixelt, wie der sitzende Mann oben.

Mikel vor „Der Raucher mit aufgestütztem Arm“ von Paul Cézanne. Aus der badischen Nachbarkunsthalle Mannheim.

Ich empfehle hinzugehen. Noch ist Zeit.
Ansonsten kann man in der Mediathek der ARD einen Film zur Ausstellung sehen.
Cézanne in der Wikipedia
Cézanne auf Google Arts & Culture.
Erstaunlich, man kann im Museum umher turnen, ohne zu twittern, wie früher. Noch nicht ‚mal Schreibzeug führte ich am Mann. Es kamen immer mehr Menschen. Scheint ein Wahnsinns-Ding zu sein, die Methamorphosen. Sogar Security mit Stiefeln, Handschellen und scharf öffnete und schloss die Tür.

Die Junge Kunsthalle Karlsruhe nebenan zeigt „Das Handtuch des Cézanne“. Ich war außer der Schulklasse alleine. Von dort ist auch der Blinzelsatz des Beitragsbildes. Was sehe ich da? Genau! Auf den Ausschnitt kommt es an. Schule des Sehens mit Rahmen!
Orange geht es hier zu! Angenehm.
Und der Rahmen, der anders sehen lehrt.

Und Bilder hinter Fenstern, Magritte winkt.
Da haben die Herbergsmütter scheinbar dauerhaft etwas für die Kunstvermittlung angeleiert, in Karlsruhe zumindest. Ich war im Sommer ja auch dabei, da in Karlsruhe. Guckt.
Ich war voll. Voll geguckt. Aber in die Orangerie musste ich noch. Dort zeigt die SKK ihre modernen Werke. Ist übrigens im Eintritt inbegriffen. Bis auf zwei Kunststudentinnen war ich mit der Aufsicht allein. Leute, lasst euch das nie entgehen, wenn ihr da seid. Alleine die „Sieben Todsünden“ des Otto Dix sind den Eintritt wert.
Versunken in den gespeichert Bildern im Hirn zuckelte ich noch durch den Botanischen Garten, dessen Mikroklima Blumen im Freien zulässt. Im Freien! Auch wenn es „nur“ 9 Grad waren.

#januar

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Immer daran denken: Nicht blinzeln, Augen offen halten! 🙂
Doch, es war ein seltsam schöner Tag. Danke SKK.

2 Gedanken zu „Nicht blinzeln – #cezanders“

  1. Lieber Michael Bauer,

    einen herzlichen Dank dafür, dass wir an dem Ausstellungsbesuch so digital teilhaben können. Es ist sehr interessant und erfrischend zu lesen, wie die Ausstellung auf den*die Besucher*in wirkt, denn auch wenn wir uns als Mitarbeiter*innen immer wieder versuchen in deren Lage zu versetzen und hineinzudenken, kann man doch den unvoreingenommenen Blick kaum mehr einnehmen.

    Vielen Dank also für diesen interessanten wie unterhaltsamen Beitrag!
    Herzlich,
    Tabea Mernberger

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