Kamerafahrten

Seit Dienstag fahr‘ ich jetzt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Morgens um 4:45 noch mit Handschuhen bewaffnet. Ich weiß nicht warum, aber dieses Jahr erlebe ich das viel bewusster. Innerlich ist alles eine konzentrierte Kamerafahrt. Nebenbei entstehen Kommentare dazu. Nicht unbedingt das unbewusste Füttern des lyrischen Ichs, wie sonst, sondern eher Klartext. Irgendwie hätte ich beständig Lust zu filmen und doch wieder nicht, will alles für mich behalten. Heute Morgen zum Beispiel der Feldhase, der fast 600 m (gefühlt) im Funzellicht des trafo-driven Bike-light (eine tolle Satzkonstruktion, oder?) den sonst tiefverdunkelten Betonweg vor mir her wirbelte, bevor er als Pseudo-Albino (gesehen-gefühlt) in das Erdbeerfeld nach rechts abdüste. Weiter vorn kommt dann der Komplex eine großen Spedition und jeden Morgen sehe ich in einem Fenster, wie dort inzwischen ist es 4:58, jemand Power-Points an die Leinwand drischt. Und dann das Kiosk am Westbahnhof (selbsternannt, Straßenbahnhaltestelle). Jeden Morgen kommt Rentner K. ( J? F.?) mit seinem Protzkarren direkt vor das Kiosk gefahren, käuft die Zeitung mit den vier Buchstaben und fährt die , (hhhm,) 8 m nicht etwa rückwärts zurück, sondern wendet mit viel Aufwand. Erst an der nächsten Ampel holt er mich ein, spielt mit seinen Scheinwerfern fangen mit meinem Rucksack, zeichnet Schatten in das Stahlbad (so heißt die Haltestelle da). Und dann der Heimweg! Ich kann dank günstiger Lagen der Heim-, wie der Arbeitswelt zueinander tatsächlich nur über „Feldwege“ nach Hause fahren. Trotz der zusammengelegt 70000 Einwohner unserer Städtchen und dem 300000er Klotz Mannheim im Anschluss daran, dessen Fußgängerzone ähnlich „ländlich“ erweitert erreichbar wäre, per Fahrrad natürlich. Die Heimfahrt ist dieser Tage eine Kakophonie in Weiß. Es blüht so sehr, dass es schon fast kitschig wirkt. Ein endloses Band weißer Blüten zeichnet mir was auf die Strasse, den Weg? Ich weiß es noch nicht. Es wächst. Innerhalb, dort, wo die Kamerafahrten gespeichert werden, kommentiert, ausgewertet, geschnitten. Es wird Zeit die Handschuhe für morgen zu richten. Kamera ab, Action!