Hey Jude

schilgen_lobbyIch bitte um Entschuldigung für den etwas albernen Titel, aber ich mag es, wenn Songs in Zusammenhängen ganz andere Bedeutungen annehmen. So hier dokumentiert, wenn RosaKehlchen „He’s a man, just a man“ singen. Gestern Abend sangen beim sehr amüsanten Jazz-Karaoke Mitglieder des „Mischpoke“-Teams mit Hingabe den Beatles-Song „Hey Jude“. Und wenn das Stück, das sie gerade spielten „Eine jüdische Chronik von damals bis heute“ gedeutet ist, dann gewinnt der Titel eben auch eine andere Bedeutung. Die Jazz-Kombo war übrigens sehr prominent und wird in Teilen als Dirk Schilgens Jazzgrooves im Theatercafé am 18.5 ihre neue CD vorstellen. Ich spar schon mal, die anderen CDs hab ich schon 🙂

Das letzte Stück im Reigen des 2. Bürgerbühnenfestivals:

Mischpoke
27.3.2015 20:30 im Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim.
Die Bürgerbühne, Staatsschauspiel Dresden | Regie David Benjamin Brückel | Text und Dramaturgie Dagrun Hintze | Bühne und Kostüm Jeremias Böttcher | Musik Ketan Bhatti, Vivan Bhatti | Mit Nataliya Berinberg, Nichame Eselevskaya, Thomas Feske, Joshua Lautenschläger, Faina Lyubarskaya, Felix Lehle, Thomas Pfüller, Ehud Roffe, Katja Schindler, Guliko Zimmering

Das Staatsschauspiel hat das hier auf Facebook gepostet und ich das mal ganz frech eingebunden..

Unsere Bürgerbühnen-Mischpoke war gestern Abend zu Gast beim 2. Bürgerbühnenfestival — Ein deutsch-europäisches…

Posted by Staatsschauspiel Dresden on Freitag, 27. März 2015

Das war ein sehr bewegendes Theaterstück. Dresdner Juden spielten sich und ihre Geschichten. Auf einer umgekehrten Drehbühne, quasi, rollende, verbundene Wände, wie im Aufklappbilderbuch dekoriert, trennten die Kapitel. Zu Anfang war der jüngste Schauspieler auf das Dach gestiegen, dort war er auch einmal der „Fiddler on the roof“ und zwischendrin tanzten die israelischen Techno-Rabbis. „586 v. Chr hat die Kacke doch angefangen. Babylonische Gefangenschaft und so“, tönte Ehud Roffe und meinte damit die jüdische Diaspora.

Auf einer Karte erfuhren wir von den oft zwangsweisen Wanderungen der Juden, von Spanien über Portugal gen Osten und wieder zurück, sie sind die ewigen Auswanderer und die Großzahl an jüdischen Glaubensrichtungen lernten wir auch kennen. In zwei Minuten. Und alle sind nicht wie die anderen Juden. Witzig, wenn Gott aus dem Off zu Moses spricht und früher die Welt erschafft. Überhaupt fing alles bei Adam und Eva an, aber das waren da ja noch keine Juden und der Brudermord begann. Ein zu Herzen gehendes Stück, das wiewohl in Teilen wehmütig, überwiegend witzig daherkam, auch wenn die Schauspieler im Chor dem Publikum die Vorurteile über sie zurückbrüllte. „Wir haben Jesus Christus ans Kreuz genagelt“…. Natürlich die Shoa, das Unbehagen wieder oder noch im Land der Mörder zu leben. Und wieder und wieder befand Ehud Roffe, der Israeli, hört doch auf mit dem alten Scheiß, bringt doch nichts. Imposant seine Geschichte der Kriegsdienstverweigerung in Israel, sein Aufbegehren gegen den ewigen Krieg, als Kind traumatisiert in den Luftschutzbunkern während des Irakkrieges. Nun lebt er lieber in Dresden-Neustadt, wo es Frauen gibt, die keine Soldaten sind.

Und dann die Geschichte, die wir Westler so gar nicht kennen. Juden in der DDR. Zurückgekehrt in das nun „neue Deutschland“ als Parteisoldat, die Verleugnung der Diskriminierung auch dort, das Nicht-wahr-haben-wollen des stalinistischen Terrors. Der Dichter, der zu seiner Sprache zurückkehrte und der Schock der Wende, die eben nicht für alle eine Wende zum Guten war, auch nicht für alle Juden.

Erstaunlich die Geschichte der „jüdischen Russen“, die von den früher eingewanderten osteuropäischen behochnäst wurden. Die Geschichten von Tschernobyl, der Kriminalität nach der Perestroika und die Einwanderung in die nun vereinigte BRD. Die Wendekinder und und und. Ja sogar ein schwäbischer Konvertit, der die hohen Hürden des Jüdischwerden spielte, seine eigene. Die Wendekinder, die nie in ein KZ gingen, das Grauen würde sie überwältigen. Und alle ewig auf der Suche nach der jüdischen Idendität, der Suche nach sich selbst. „Wie sprechen sie denn in Israel, jüdisch?“ „Hebräisch“, das Amt kannte das nicht, auch nicht jüdisch als Nationalität, die Qual mit dem Staat Israel, den man braucht und doch nicht so will oder doch?
Und zum ersten Mal hörte ich die Windows-Start-Melodie in einem Theaterstück. 🙂 Wie bei den „Dicken Frauen“ wurde das Publikum befragt, die Antworten notiert und in die Klagemauer auf der Bühne gesteckt.

Sie ließen nichts aus und doch war man nicht erschlagen, eine kluge Dramaturgie setzte gekonnt die Akzente. Das war sehr gutes Theater. Professionell umgesetzt und auch gespielt, eben weil jeder sich selbst war, auf der Bühne, das können professionelle Schauspieler nicht, das herausragende Merkmal von Bürgerbühne exakt abgebildet. Ernsthafte, beste Unterhaltung. Ich bin froh, es gesehen zu haben. Wer die Chance hat es zu sehen: Hingehen, es lohnt!
Die Großkritiker von den Gazetten saßen neben mir, tuschelten bisweilen und mit der Rheinneckarbloggerin hab ich auch noch geplauscht, mal sehen was alle so schreiben. Über die Party anschließend wird noch zu berichten sein.