Helena

Was ich am 14.5.2014 bei „Best of Streetview“ in Bonn (siehe hier) lesen werde! Veröffentlicht im Print in der Wortschau 19

Heute ist der 25.8.2012. Seit letztem Freitag feiert das Münster in Bonn Helena. Doch, DIE Helena. Keine schöne Helene. Die Helena. Mutter von Konstantin, den man den Großen nennt. 2012. Nicht 1012. 2012. Diese Helena lebte im 4. Jahrhundert und soll über den Stadtmärtyrern eine Kirche habe errichten lassen, die dann zu diesem Münster wurde. Im Laufe der Zeit.
Man hatte natürlich Teile ihrer Knochen in der Basilika minor aufbewahrt, die aber von der Kavallerie irgendeiner Soldateska geklaut wurde, oder gebrandschatzt, was man damals halt so machte. Im ausgehenden Mittelalter, so als Freizeitbeschäftigung. Da geht es heute gesitteter zu. Deutlich.
Das Domkapitel der einst kurerzbischöflichen Stadt Trier hat keine Fehde mehr mit den einst kurerzbischöflichen Vasallen des Kardinals von Köln und schenkt dem Bonner Münster ein paar Knochenteile der Santa Helena in einem schönen Schrein. Wurde gestern übergeben. Können sich die Trierer leisten, sie feiern ja gerade das Jahr des heiligen Rocks, den haben sie ganz, den Leibrock des Jesus Christus. Hat auch die Helena gefunden.
In Köln haben sie ja die Gebeine der heiligen drei Könige in einem schönen Schrein im hohen Dom. Wir schreiben das Jahr des Herrn 2012, ein Auto fährt auf dem Mars umher und funkt Bilder auf unsere Fernsehschirme und in Bonn feiert man die Rückkehr der Helena.
Ernsthafte Diplom-Physiker beten vor dem Schrein der Helena, nach dem sie in einer Schlange standen um eine Kerze davor zu entzünden.
Natürlich steht in den begleiteten Texten im Münster „der Legende nach“. Überall. Man ist ja nicht bescheuert, feiert im neu renovierten, wunderschönen, Kreuzgang, Jazz mit Kuchen und Priesterkleidung auf Puppen, damit auch die Heidenkinder so etwas einmal sehen. Die Trierer wissen natürlich auch, dass das kein heiliger Rock ist, den sie da haben und keiner in Köln wird ernsthaft glauben, dass die Knochen, die der fiese Erzbischof in Mailand mopsen ließ, irgendwelchen Königen als Fleischstütze dienten und doch.
Reliquienverehrung im Jahre des Herrn 2012, in der selbst die Postmoderne bereits zu Ende ging.

Heute war es ruhiger als letzten Samstag im Kreuzgang im Bonner Münster. Man konnte ihn als meditativen Denkort benutzen. Ich liebe es. Kennen Sie den Kreuzgang des Klosters Maulbronn? Muss man gesehen haben. Oder den Kreuzgang von St. Stephan in Mainz, direkt neben den Chagall-Fenstern, der im Dom zu Mainz oder im Augustinerstift?. Ich konnte und kann sehr gut beim wandeln dort denken, mich vertiefen, Transzendenz suchen, manchmal erfahren.
Ich dachte über Reliquien nach. Das hat mit Christentum eigentlich gar nichts zu tun, ist zu tief archaisch, geht noch viel weiter zurück, bis zu den Pyramiden der Ägypter, allen Grabkulturen. Die Verbindung zu unser aller Vergangenheit. Vielleicht wird man eines Tages die heilige Festplatte eines besonders heiligen Mannes anbeten, wer weiß oder die Maus der heiligen Gossip.
Es ist ärgerlich über solches nachdenken zum müssen. In dieser unseren höchst säkularisierten Welt, in dem Gerichte die Jahrtausende alte Tradition der Beschneidung verbieten wollen. Selbst die nichtbeschneidenten Christen können dann am 1.1 nicht mehr die Beschneidung Christi feiern.
Hhm und ich wandle in einem Kreuzgang umher und kläre. Waren sie schon einmal in einem Gottesdienst, der mit gregorianischen Gesängen gestaltet wurde? Es zieht und zerrt einen da hinein. In das meditative okzidentale Omm. Da ist etwas, man hätte es gerne, wollte mitfeiern, wenn da nicht all das andere Brimborium mitzutragen wäre. Das ganze Bodenpersonal, all die Ungereimtheiten des römischen und rheinischen Katholizismus. Die Evangelischen mögen sich zurückhalten und über die Einheit von Thron und Altar nachdenken.
Dieses Archaische hat etwas, es lockt in eine ganzmenschliche Transzendenz, die eigentlich keinen Himmel braucht. All die Kunst, die entstand, die Musik, die Kirchen. Aber man hat uns ausgeschlossen. Das gibt es alles nicht ohne das Andere, die Tiara, die Inquisition, den Konfirmandenanzug, den Talar. Wut könnte einen beschleichen.
Als ich noch jung war und sehr katholisch, sagte ein Kaplan. „Ihr stört Euch doch nicht an meiner Freundin, es wäre Euch doch egal, ober Papst seinen Mann heiratet und wenn das wahre Grab Jesu gefunden würde, das stört Euch doch nicht, ihr wärt trotzdem weiterhin katholisch, oder? Aber sie lassen uns nicht, ihr werdet es sehen.“ Da hatte Dan Brown noch keine Illuminati in den Rachen Amazoniens geworfen. Natürlich ließen sie ihn nicht. Er ist heute pensionierter Oberstudienrat mit 5 Enkeln. Uns wurde das auch ausgetrieben. Der Katholizismus kann noch so rheinisch-heimlich tolerant sein, so lustig im Karneval bis Fasenacht. Der Kern bleibt.
Frauen können nicht ordiniert werden, die Pille bleibt verboten, Priester heiraten nicht und Kondome sind trotz Aids äbä. Über die Einheit von Thron und Altar denken die Evangelikalen auch wieder nach und die Muslime feiern ihr tiefstes Mittelalter auch immer deutlicher.
Deshalb die Reliquien. Die Demonstration der Tradition, die Verbindung zu den Anfängen, einer Legende zufolge. Man könnte die Wut bekommen. Sie lassen uns nicht. All das Schöne und Gute verstecken sie in ihren Sakristeien oder in Schreinen.
Man lässt uns nicht? Man kann nix daran rütteln. Der Weg zur Transzendenz im Archaischen bleibt versperrt. Ach. So? Und warum? Habt ihr schon einmal die Klänge von alten Patronen in verrosteten Bombenhüllen zu einem Loop von Baurohr-Dideridoo gehört in einen Singsang gehüllt aus lyrischen Sprachfetzen?

Ein lautes Lachen klingt durch den Kreuzgang und ich zünde eine Kerze an, vor dem Schrein der Helena. War übrigens eine tolle Frau, denk ich mir mal. Vom Sklavenkind zur Augusta.

Und weil wir am römischen Rhein schreibe ich zu einem Kölsch vor dem Münster. Ist doch toll so ein Kreuzgang.

Sine Primborium in saecula Saeculorum. Sag nicht Amen zu mir.

Falls die Zeit noch reicht auch:

Reg Def 1- 4

(Blick auf den langen Eugen aus der Ferne vom Rheine aus)

Reg Def 1

Zweifel aus ungelesenen
Protokollen des Gesetzes
von Wehner vergessen
trauern um Franz Josef
und die Nutten in Köln
Berlin Berlin
wir fahren nach Berlin
Ein kleines Schiff
tanzt Wellen für
Willy und Ludwig
Nein, wir verkohlen
nie, nie, nie

Reg Def 2

Wir sind das Volk
Wir sind das Volk
Wir sind das Volk

und ihr nur unsere
Vertreter
Vertreter
Vertreter

Reg Def 3

über alles
über alles
über allen
Wassern schwebt
es noch
es dröhnt
zum weinen

Reg Def 4

Und doch wird
Prinz Karneval
auch nächstes Jahr
herrschen
Nicht ihr
Ihr seid nur

Vertreter
Vertreter
Vertreter

2 Gedanken zu „Helena“

  1. All das Schöne und Gute verstecken sie. Und sie horten Gold und predigen Verzicht und Demut.

    1. Das ist zwar auch richtig, aber es ging mir bei dem Text mehr um all das kulturell Schöne. Auch und gerade im Islam. Von Hafiz bis zu Mozarts Requiem. 🙂

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