Da war der Tag gelaufen!

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Nach diesen 3 lyrischen Kommentaren zu den Werken von Gerstner/Schmitt versuchte ich diese Kommentare nicht knapp und komprimiert wiederzugeben sondern als Miniatur in einem Mix aus Dialekt und Standardsprache in lyrischer Prosa… aber hören sie selbst:
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Bilder wie von Mittelerde, braun wie die frisch gepflügten Felder, die im frühen Sommer noch erdbeerten, golden weizten. Holz auf Erde, schrieb ich und verfiel in den Dialekt.
‚S riescht noch Schdobblegger, noch de Oma ähre Ebblschnitz, isch seh se wie se im Kobbduch in ähre Kisch rumwergld….

„Kuschls’te wieder mit Kopftuchmädchen und kanns’te das auch deutsch sagen, damit normale Leute dat auch verstehen?“ Ich hatte wohl laut beim schreiben mit gelesen, wie so oft, wenn der Text öffentlich gelesen werden sollte. Armin, nein nicht der Cherusker, Armin Schulze, aus „Norddeutschland“, wie er zu sagen pflegte, „Katholik aus der Diaspora“. Armin hatte zugehört. Immer zu den dümmsten Sprüchen der aktuellen politischen Inkorrektnis aufgelegt mit akzentfreien Standard-Deutsch, die Mark Brandenburg nur noch leicht durchscheinend. Ich gedachte ihn zu ignorieren, ich hatte zu texten, der Termin dieser Lesung rückte unaufhaltsam näher, aber dann kam er der Satz: „Wird man ja noch sagen dürfen“. Entschuldigung, aber das regt mich auf. Ich bin nämlich tatsächlich stolz darauf Deutscher zu sein. Doch. Man darf seit 1949 oder auch 1989 im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Staaten tatsächlich alles sagen, solange die Gesetze nicht verletzt werden. Nur keine Verherrlichung der Nazi-Deppen und die Leugnung des Holocausts. Aber sonst? Natürlich muss man bei manchen Aussagen damit rechnen, Widerspruch zu lesen, zu hören, aber sagen darf man, immer. Sogar Armin und ich ignorierte ihn doch und schrieb weiter.

S riescht noch Schdobblegger, noch de Oma ähre Ebblschnitz, isch seh se wie se im Kobbduch in ähre Kisch rumwergld……un die Ebblschnitz in die Oimachglessa driggt. Die graue Hoar gugge unnam Koppduch enaus und die Scheilsisch leigt noch uf de Zeidung, wu de dicke Erhard mid de Zigga uf de erschde Seid „Maßhalde“ seschd. Aber das hat nichts mit diesen Bildern zu tun, ich war auf den Erdfarben ausgerutscht, am Holz entlang geschlittert, von den Rinden geharzt worden, in die Erinnerungen gestürzt, diese Objekte haben allerdings nichts gestriges, sind gejetzt, im da sein aus der Vergangenheit geerdet, ja, aber die Zukunft nicht leugnend. ’s rieschd noch Ädbolle, die wu die Hagge im Grumbän-Agga uf die Feldweg getropst hewwe, s’rieschd noch Sparglschdescha un Duagbledda-Kratza, geel wie die Quitte fas Schmäslbrod die Farwe, zwische drin, die wu die Fawwarig driwwe in Lumbehafe beschdimmd ned mache konn, ned mid all denne Vadinna, wu die hewwe un de Parfüms aus Erdeel. Erdfarben nicht für die Erdrandbewohner der finsteren Mittelalter, sattes braun für die Umhänge der Natur, die Mutter und Vater zugleich die steinzeit mit dem Internet vernetzen, warm und golden. Goldisch wie die Schdän, die wu de Oba iwwa die Gribbscha genaggeld hod fa die heilische drei Keenisch mit de Kamel aus’m Morgenland, aus der Wieschde, dere arawische…

„Die Kameltreiber dürfen jetzt nicht mehr kommen, wird verboten. Die Islamer alle“. Armin. „Haben alle ein falsches Gen, inkompatibel, ist wissenschaftlich belegt, von der Bundesbank. Nur noch christlich-jüdisch, gell. Und hör‘ endlich auf dieses Halb-Deutsch zu radebrechen.“ Ich hatte gerade aus der biblischen Geschichte zitiert, genau die Stelle, wo der Sohn des christlich-jüdischen Gottes die Huldigung der restlichen Welt zum ersten Mal entgegen nimmt, nicht dass ich noch sehr religiös wäre, sehr im Gegentum. Aber jetzt reichte es. Die Rage war mein, die Lungen füllten sich mit der Reizluft der oberrheinischen Tiefebene.
„Häaaaa“, rotzte ich in der Diktion der Messer-bewehrten Ur-Viernheimer, wie es sonst nur von Erna Strube, die man die Joy nennt, bekannt ist, „Hääaaa, jetzt hä mol hä, des is moi Sach. Gonz alla moim Isch soi Sach.“ Das Zitat aus dem Neckarbrücken-Blues kannte der Ignorant ja doch nicht. „Wie long wohnschden jetzt schun do? Iwwa zwanisch Joahr, seit de Wende? Un konnschd imma noch koa Vennamirsch, noch nedde mol vaschdehn? Zu faul sich rischdisch zu integrieren, obwohl de von zwaa Vennema Fraue drei Kinna hoschd? No, des is ned genedisch, des is pure Faulheit, äh kennd in de oischlegische Werdschafte zur Erstargung der Selbigen jeden owend koschdelos KOSCHDENLOS Unnarischd krieje un was macht da? Hoggd dehoam un klotzt Radio Brandenburg. Un donn. Katholisch, wie de in de Diasbora bischd, widde vielleischd aa de Maria driwwe in de Kersch de Schlaia vum Kobb reiße, die war jo aa e Jidin, doch un die erschd Christin, basst doch? Die Bilda vun de Drimma-Fraue vabiede, weil die im Kobbduch de Dregg ewegg gemacht hewwe, wu die Nazi-Bonze zu vandworde ghatt hewwe, die Endsiega? Gei ma fodd mit doim Geknodda un loss ma moi Ruh mit doinere schoinheilische Religionsdebatte.“
Ich hatte mit meinem Geschrei die halbe Fußgängerzone zusammen geschrien, die wie üblich morgens von Autos verstopft war, in dem ich dem Flüchtenden auf die Chaussee folgte. Mein ist die Rage und ich sah wohl zum Fürchten aus, denn einige Vorbeieilende versteckten die Bildzeitung, das Zentralorgan aller Armins in diesem unserem Vaterland der wenig gebärenden Mütter. Das Thema hatte ich für heute niedergebrüllt, aber zu meinem Text in dialekt-naher lyrischen Prosa kam ich jetzt nicht mehr. Mein Hirn war wüst und leer. Der Tag war gelaufen, literarisch und da dies alles heute Morgen stattfand, im Rahmen dieser erfundenen Geschichte, endet sie auch hier.