Burg = Weinheim

Schwere Wolken dräuten, der Vorhersage folgend. Also ließ ich den Drahtesel im Stall, zog lange Hosen an, steckte Schirm und Pullover in den Rucksack, nahm den Hund an die Leine und stieg in die Strassenbahn, wie sonst jeden werktätigen Morgen auch. (Chica LIEBT es Strassenbahn zu fahren.) Ich arbeite seit 29 Jahren in einem touristisch hochgesegneten Ort. Zwei Burgen, ein Schloss, exotische Wälder, Schlossparks, Mittelalter, Kultur, viel Geld und Wein, das ganze Spektrum. All das so alltäglich, dass es nicht lohnenswert scheint darüber zu schreiben. Ich muss doch mal Frau Noll befragen zu dem Thema. Also Weinheim war das Ziel. Die Burgen hinauf, hinauf.
Zur Windeck

und dann zur Wachenburg
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Es sind letztendlich nur 200 Höhenmeter, aber sehr bald wird die Aussicht in den Rheingraben spektakulär, kann man nicht nur die BASF, den Donnersberg, den Taunus und die beiden oberrheinischen AKWS Biblis und Phillipsburg in der Ferne erahnen, das ganze Gebiet der Metropolregion sozusagen.

Ja und dann kommt sie, nach einigen Metern serpentinegelaufe mein Akronym für Burg.
Die Windeck.

Eine Ruine, ja und? Es ist seit 53 Jahren MEINE Burg, geistig jedenfalls. Immer wenn ich Feierband habe steht sie da, wenn ich aus dem Werk laufe und lächelt. Ja, es ist auch eine Trutzburg des Kloster Lorsch. Aber heute ist des Bleibens nicht. Man will Hochzeit feiern in der Burgschenke, oh mir graust, wie wird mir. Mir graut mein Haar noch grauer, mir demnächst auch? Kontemplierend ergeht sich Hund und Mensch daher noch höher
zur Wachenburg.


und der Blick reicht noch weiter

. Die Burg ist besonders gut erhalten? Ja, JAA. Sie wurde auch erst 1927 fertig. Sie ist ein kleines Heim für den Weinheimer Senioren Convent, der so seine burschenschaftlichen Verpflichtungen nachkommen kann, alte Seilschaften mit Hektoliter Bier zu straffen. Das Wort „Student“ hat einen üblen Klang in Weinheims Kneipen.
Nach sanftem Abstieg kann ich mir das Kriegerdenkmal (auf Höhe 304) nicht verkneifen.
. Jo, 1918 halt. Aber. An der Bank zum Verweilen an diesem Ort hat irgendwer einen Baumstumpf so beschnitzt:

Räusper.
Zum Ausklang zogen wir noch zum Rathaus.

neben der größten Zeder Deutschlands

samt anhängendem Schlosspark



um auf dem Marktplatz die Sonne zu genießen samt einem Bier vor dem Diebsloch.


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Nein, das ist alles nicht in Italien, das ist Weinheim. Eindeutig die Schönste unter den Städten der lieblichen Bergstrasse. Auch wenn ich es NIEMALS zugeben würde, wäre einer dieser Odenwälder oder gar Weinheimer zugegen.