bildungspolitik 31.12.2001

gehört es zur allgemeinbildung den „zauberlehrling“ zu kennen? aber ja doch, bestimmt. klar wird jeder sagen, aber heisenberg’s unschärferelation (samt ihrer eminent wichtigen philosophischen bedeutung und seine persönliche politische schuld oder unschuld), wie bitte wo? merken sie was?
unsere bildungs-definition stimmt schon lange nicht mehr. da steckt immer noch die großbürgerliche bildungskakerlake dahinter. mit technischem kram kennt man sich nicht aus. das machen die „niederen“ schichten. und ein dr.-ing gehört da mit dazu. glauben sie nicht? schauen sie mal nach, wer in der wirtschaft das sagen hat. aha, die wirte. genau. und in der politik ? lehrer und juristen und wieder die wirte.
solange es in der „gesellschaft“ immer noch als „fein“ gilt, die mendelschen gesetze nicht zu kennen und der erste hauptsatz der thermodynamik gar als brechmittel bezeichnet werden darf, solange es millionen von kindern gibt, die zwar alle pokemons auswenig können, aber das periodensystem der elemente noch nicht mal gezeigt bekamen (und alle finden das durchaus in ordnung), solange braucht sich niemand zu wundern. gar niemand.
ich will nur ein beispiel herausnehmen.
wenn heute in der mittelstufe eines gymnasiums zum ersten mal ein drama besprochen wird, haben die kids schon tausende von dramen gesehen, von der sesamstrasse bis zum kettensägenvideo. und keiner hat es ihnen erklärt, kein leibnizz regeln definiert. learning by watching. unser kultur-lehr-betrieb missachtet seit einem jahrhundert die „medien“. film, funk und fernsehen. kommt im schulplan nicht vor. aber die schulen müssen ans netz. dabei weiß ein deutschlehrer heute noch nicht, wie man einen film bespricht, oder gar eine nachrichtensendung semantisch überprüft. merken sie was ?
unser bildungshochmut (die amis haben keine kultur, haben sie nicht, aber wir!) ist es, der uns in den bildungsnotstand treibt. die kinder lesen nicht, jaulen immer neue verbände. sie sollen „gute“ bücher lesen, man meint zumeist langweilige damit, und keiner sagt ihnen was das sei, die alten haben sie nämlich auch nicht gelesen!
sie müssen nicht lesen. ja warum denn nicht ? weil es anderes gibt. und das ist nicht a priori minderwertiger. die technik zumindest nicht, wohl aber der inhalt. hitler ist durch konsequente ausnutzung aller medialen mittel an die macht gekommen. haben wir daraus gelernt ?
und zur zeit wandelt sich das wieder einmal dramatisch. man schreibt wieder. zwar nur mails und shortmessages, aber man schreibt. es gibt sogar schon literaturwettbewerbe dafür. es gibt sogar poetry-slams. hat es die offizielle schulpoltik, haben wir wähler es schon gemerkt? nein.

auch die nächste generation wird den zauberlehrling lernen und alle neuen elemente des periodensysthems staunend günther jauch überlassen.
postscriptum : der zauberlehrling ist mein lieblingsgedicht und wirte, juristen und lehrer sind ehrenwerte berufe.

(aus dem Jahr 2001, aus gegebenem Anlass -Abifeier des Jüngsten- nochmals gepostet. hat sich nicht viel geändert.
p.s. 2001 hatte ich den Rappel alles klein zu schreiben…)