BüBü

(Ein internes Theaterkürzel, das mir als Wort gefällt…bübü…)
Mein Resümee zur Reise in die Tiefen der Bürgerbühnenwelt
Meine Spaziergänge durch die Welten der Bürgerbühne nahmen mit der furiosen Jazz-Karaoke der Abschlussparty beim 2. Bürgerbühnenfestival ihr vorläufiges Ende. Es gab eine Preisverleihung vorher, aber da sag ich entgegen ersten Verlautbarungen vor Ort nichts dazu. Das bekomme ich nicht gedrechselt. Irgendwie haben halt alle oder ein paar gewonnen oder so. Man freut sich, siehe hier.
Ich sagte ja schon, dass ich mich vom Theater sehr weit entfern hatte und wenn ich diese Bürgerbühnen-Erfahrung nicht gemacht hätte, würde ich jetzt wieder weit wegrennen, dieses Gewese um seine göttliche Hoheit Castorf und der Bildzeitungscheffe Döpfner soll im Darmstädter Staatstheater spielen…aber zu Sache Herr Bauer!
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Das Bürgerbühnenfestival fand ich erfrischend, belebend, qualitativ besser, als ich erwartete. Aber das habe ich im einzelnen ja bereits besprochen. Da könnte auf Dauer wirklich etwas entstehen. Da wird Menschen Kreativität angeboten und letztlich das Theater geerdet, damit es im Nirwana der „Hochkultur“ nicht entschwebt, sich nicht in den Gefilden der walkürlichen Elysien verharrt, nicht dem Ego alter Männer verfällt, die ihr eigenen Egotrip-Denkmäler für das einzig wahrhaftige Theater halten und bekrawelen #hurz.
resum0Ich sah während der Vorstellungen ein waches Interesse der gesamten Theaterleitung, aufmerksame Verfolgung durch das Ensemble, das zahlreich bei den Vorstellungen die laientlichen Kollegen beobachtete. Da gärt etwas, so scheint mir. Ich bin gespannt, was sich entwickelt, wohin die Reise geht oder ob das Budget irgendwann nicht mehr reicht, wie sich die Politik dazu stellt, der Souverän, der das letztlich bezahlt.

Ich selbst habe aber keinerlei Bedürfnisse entwickelt, selbst spielen zu wollen. Das habe ich ausgelebt und außerdem, ob ich es schaffte mich willig einer Regie zu unterwerfen? 🙂 Aber zusehen würde ich schon gerne. Ja, ich werde die Tickets lösen, wenn denn die nächsten Stücke in den Spielplan tickern.

Der Mouse-Clicker-Marketing-Club hat mir, trotz mancher zäher Momente, sehr gut gefallen. Weiterlesen

Hey Jude

schilgen_lobbyIch bitte um Entschuldigung für den etwas albernen Titel, aber ich mag es, wenn Songs in Zusammenhängen ganz andere Bedeutungen annehmen. So hier dokumentiert, wenn RosaKehlchen „He’s a man, just a man“ singen. Gestern Abend sangen beim sehr amüsanten Jazz-Karaoke Mitglieder des „Mischpoke“-Teams mit Hingabe den Beatles-Song „Hey Jude“. Und wenn das Stück, das sie gerade spielten „Eine jüdische Chronik von damals bis heute“ gedeutet ist, dann gewinnt der Titel eben auch eine andere Bedeutung. Die Jazz-Kombo war übrigens sehr prominent und wird in Teilen als Dirk Schilgens Jazzgrooves im Theatercafé am 18.5 ihre neue CD vorstellen. Ich spar schon mal, die anderen CDs hab ich schon 🙂

Das letzte Stück im Reigen des 2. Bürgerbühnenfestivals:

Mischpoke
27.3.2015 20:30 im Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim.
Die Bürgerbühne, Staatsschauspiel Dresden | Regie David Benjamin Brückel | Text und Dramaturgie Dagrun Hintze | Bühne und Kostüm Jeremias Böttcher | Musik Ketan Bhatti, Vivan Bhatti | Mit Nataliya Berinberg, Nichame Eselevskaya, Thomas Feske, Joshua Lautenschläger, Faina Lyubarskaya, Felix Lehle, Thomas Pfüller, Ehud Roffe, Katja Schindler, Guliko Zimmering

Das Staatsschauspiel hat das hier auf Facebook gepostet und ich das mal ganz frech eingebunden..

Unsere Bürgerbühnen-Mischpoke war gestern Abend zu Gast beim 2. Bürgerbühnenfestival — Ein deutsch-europäisches…

Posted by Staatsschauspiel Dresden on Freitag, 27. März 2015

Das war ein sehr bewegendes Theaterstück. Dresdner Juden spielten sich und ihre Geschichten. Auf einer umgekehrten Drehbühne, quasi, rollende, verbundene Wände, wie im Aufklappbilderbuch dekoriert, trennten die Kapitel. Zu Anfang war der jüngste Schauspieler auf das Dach gestiegen, dort war er auch einmal der „Fiddler on the roof“ und zwischendrin tanzten die israelischen Techno-Rabbis. „586 v. Chr hat die Kacke doch angefangen. Babylonische Gefangenschaft und so“, tönte Ehud Roffe und meinte damit die jüdische Diaspora. Weiterlesen

Hast du mich gerade fett genannt?

THEATER ÜBER KÖRPERBILDER heißes medium:polylux Künstlerische Leitung Nora Graupner Dramaturgie Melanie Hinz
Musikalische Betreuung Stephanie Krah Assistenz/Technik Maria Gebhardt Produktionsleitung Maike Tödter
NTM 26.03.2015

Ich würde hier nie im Leben über dicke Frauen posten. Aber das war ein Stück im Rahmen des 2. Bürgerbühnenfestivals. Ja, ja ihr kennt die Url schon. Die Damen aus Hildesheim sind wohl nicht auf Twitter, sonst hätten sie den „running gag“ meines Post-Titels in ihre Show mit eingebaut. Das war eine hübsche Revue, von mutigen Frauen, mit ihren Pfunden wuchernd. Und ich twitterte:


Ich will ehrlich sein. Das war der schwächste Beitrag im #buefest, den ich sah und doch habe ich mich 75 Minuten lang nicht eine Sekunde gelangweilt. Das hatte was und doch träume ich….. das könnte man doch mit Bulemie-Frauen, fetten Männern und den Schwarzeneggers (dessen Muskeln die Damen küssten) mischen. Die waren so gut d’rauf die Frauen und sie spielen doch gerne Theater. Das könnte man doch als 2. Staffel? Jetzt stellt euch vor, diese tollen Frauen und spitzentanzende Bodybuilder und all der ernsthafte Hintergrund, wenn sich Frauen, die nicht essen können mit den „Dicken Frauen“ im Club…. Man wird doch träumen dürfen…oder? Sie dürfen dann wieder fette Chips ins Publikum werfen, dass auch die hintern Reihen, hey ich hab nix abbekommen! „Hast du mich gerade fett genannt“ wäre doch ein Titel. Gibt es da in Hildesheim nicht auch so eine Staatsbühne. Hallo, rüttel…

Lücken

(oder die Rückkehr der Gretchenfrage)
(Keine Rezension, wie schon gesagt, sonder die Beschreibung meiner Wanderung durch die Welt der Bürgerbühnen, meine innere Theaterimmigration öffnend. Mehr davon gibt es hier.)
Vorgestern im Nationaltheater Mannheim im Rahmen des 2. Bürgerbühnenfestes „Die Lücke“ vom Schauspiel Köln.
EIN STÜCK KEUPSTRASSE VON NURAN DAVID CALIS Schauspiel Köln. Ein Stück mit eigenem Blog, auf der Website des Theaters, da scheint sich einiges zu tun in Köln, zwar mit nur wenigen Einträgen, aber immerhin!
Meine Begeisterung musste ich natürlich gleich meiner Twitter Timeline mitteilen.


Das war wirklich großes Theater! Eine hervorragende Arbeit von Nuran David Calis. Muss ich mir merken, den Namen. Er steht auf der Website des NTM nicht als Autor, sondern als Regisseur, tritt zurück hinter das Text schaffende Kollektiv. Partizipatorisches Theater. Es war erregend zuzusehen, wie das Schauspieler-Dreigestirn sich auf die Keupstraße begibt und lernt. Zuletzt die Wut der Keupstraßenbewohner teilt, sie vorantreibt, schier verzweifelt an der staatlichen Dummheit, Borniertheit, dem Rassismus in Staatsanwaltschaft und Polizei, der unglaublichen Arroganz des BI, der früher die RAF verteidigte, der Verzweiflung an dem Staat im Staate der vielen Geheimdienste, die scheinbar nicht von der Politik kontrolliert werden können. Die Lücken in der Erinnerung der Geheimdienstler vor Gericht, der Lücke in den Akten, die geschreddert wurden, die Angst, dass angesichts diese absurden realen Dramas um die NSU-Morde, die nach 10 Jahren noch gefühlt zwölfzig Untersuchungsausschüsse beschäftigt, die im Nichts wühlen, dass das große Vertuschen auf eine viel breitere Bewegung schließen ließe. Man hat da in Deutschland ja eine eindeutige Vergangenheit. Weiterlesen

Ich bin Baal in Mannheim, Barmherzigkeit Schwestern, Karlsruhe my love.

ntm_bandAm Bürgerstammtisch des Werkhauscasions war nur der Wimpel mein Kumpel, im Theatercafé des Nationaltheaters waren Plätze für die Spieler reserviert, die da der Theatermächtigen harrten, aber nach 3 x Theater war ich einfach zu müde, obwohl ich zu gerne herausbekommen hätte, wer für das Schauspiel Dortmund da twitterte… Ich rede immer noch vom 2. Bürgerbühnenfestival im Nationaltheater Mannheim.

Wie hier schon erwähnt auf dem Suchen nach der Bürgerbühne meine nächsten tapsigen Schritte….

Sorry Volkstheater Karlsruhe.. ich sah nur ein paar von den 100 Dokumenten 2 Stunden (verteilt an 2 Tagen) von 24, das Finale zuletzt und nun ja, vielleicht lag es auch daran, dass ich nach der Qualitätskontrolle und vor dem Baal nichts damit anfangen konnte. Eine tolle Idee war es auf jeden Fall. Dem MM hat es wohl gefallen. Ich hätte vielleicht nachts kommen sollen, aber so. Naja und der KSC hat auch verloren… 🙂

Aber dann Baaaal vom Toneelgroep Oostpool. Rotzfrech und jung, so alt die DarstellerInnen, wie der Brechtebert sintemals, als er es schrieb. Sehr episch, wie der Herr es später für sein Theater befahl. Die Regie mit der Jugend der Darsteller spielend, sie dem Text gegenüberstellend, der fast „altklugen“ Sprache Brechts. Spöttisch die Vorabentschuldigungen wegen der sexistischen Inhalte, das Beklatschtwerden zu Anfang. Den Woyzeck im Brecht relativierend, man goss den Schnaps über den Kopf, keiner/in soff wirklich, niemals hätten die Darsteller irgendjemandin vergewaltigt oder „geschwangeret“. Zu was auch, man wundert sich körperlich, hei, das geht doch eigentlich auch im Einvernehmen, was hatten die aber auch Probleme so kurz nach Weltkrieg 1. Regen aus dem Sprengler und aufgehängte Zelte, ein großes Bühnenbild. So viele Vorhänge hat das Schauspielhaus, man sieht sie ja beim offenen Bühnenwahn sonst nur noch selten. Es gab deutsche Übertitel zum niederländischen Geschehen. Irgendwann schaute ich nicht mehr hin, lauschte der Sprache, ohne genau zu verstehen und hörte den Rhythmus von Brecht, sich selbst suchend, lyrische Epik. Das war auch gut geschauspielert. Sehr gute verkaufte Abendunterhaltung! Doch das war Theater! Würde ich mir gerne noch mal ansehen. Ja! Was heißt eigentlich Bürger auf Holländisch?

Und jetzt der Trailer zu „Komm in meinen Wigwam“. Genau hinsehen, das ist lustig, darauf hatte ich mich soooo gefreut.

Und das war es dann auch. Es gab Bravi für ein tolles Darstellerteam. Für grandiose Kostüme, süffisante Choreografie, trotz einer arg dünnen Textgrundlage, seltsamer Dramaturgie. Die Gags ungefähr auf dem Niveau der bespöttelten katholischen Wortakrobatik. Sorry, das Popelding war einfach ….. blöd. Leute, da waren keine Experten des Alltags zu Gange, das war spätpubertärer Sakristeischwulst. Unreflektiert. Confiteor: Ich war Obermessdiener und Jungscharführer, Zeltlagerleiter und bin heute Heidenkind, eine Karriere, wie es sie zu Zigtausenden gibt. Ich kannte diese Schriften aus eigener Erfahrung und glaubt mir: Das war alles noch viel furchtbarer, die Schriften! Die Dia-Vorträge nicht vergessen.
Das war aus den 50igern und ihr habt das mit dem James Last der 70iger gemischt. Ich weiß, in Dortmund gerne mal digital und so gemixt…
Wie in der Kirche selbst wurde alles nur angedeutet, ein paar seltsame Pornoplakate waren peinlich, nichts wirklich angepackt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Das war Theaterkarneval, so irgendwie. Leute, in den 60igern nahmen wir Messdiener das Leuchtfeuer zum Grill anzünden und für die Joints. Der Kaplan war mit seiner Freundin dabei, mit 5 Flaschen geklautem Messwein und Sir Jagger brüllte bei der Messdienerrunde nach seiner Satisfaction. Sorry, das passte nicht zu meinen Erinnerungen und ja, der Sacro-Pop, den ihr da belächeltet, war auch aus den 70igern…und warum war da jetzt genau die Augsburger Puppenkiste schuld? Ach so ja, das mit dem Lattenpeter verwurstelte ich schon vor 30 Jahren in einer szenischen Büttenrede.. Gab es den rheinischen Katholizismus in Dortmund nie?

Hhhm? Wenn ihr mit der gleichen Truppe und anderer Regie spielt, sagt Bescheid. Ich käme dann noch einmal.

Auf Twitter hätte ich wohl Folgendes gesagt: Eine Bürgerbühne aus Dortmund, die den BVB nicht erwähnt kann ich nicht ernst nehmen. #buefest

Ich habe es unterlassen zu twittern. Mea maxima Culpa.

Jetzt kommt dann noch die Lücke, dicke Frauen und die Mischpoke. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Qualitätskontrolle: tl;dr: Geiles Stück mit Gedankendruck

screen_qualitaet Dies ist keine Theaterkritik. Sowas findest du anderenorts, du kennst dich ja aus.
Einfache Gedankenketten, die Theater auslöste,sind das, ich möchte sie aufschreiben, für mich. Wer daran partizipieren möchte: „Bitte schön“, sagte schon der Hasencäsar, das war schließlich Bürgerbühne, partizipatives Theater und ich schreibe hier als Experte des Alltags. Was auch immer ein Alltag ist. Oder gar ein Experte. Aber ich traf gestern eine Expertin, die ihren Alltag demonstrierte.
Qualitätskontrolle
NTM 21.03.2015 18:00
Qualitätskontrolle | Rimini Protokoll | Konzept/Text/Regie Helgard Haug und Daniel Wetzel | Bühne/Licht/Videomapping Marc Jungreithmeier |Bühne Marco Canevacci (Plastique Fantastique) | Video/Videomapping Grit Schuster | Musik Barbara Morgenstern | Dramaturgie und Recherche Sebastian Brünger | Produktionsleitung Heidrun Schlegel | Mit Maria-Cristina Hallwachs; Timea Mihályi und Admir Dzinic
Der Link zum Trailer. (Ist so markiert, dass man es nur dort abspielen kann, aber der Klick rentiert!)

Kein Schauspieler könnte das so darstellen. Aber es brauchte auch Theaterexperten dies auf die Bühne zu bringen. Weiterlesen

Knall rattata und dieses Bumm

Das Mannheimer Geräuschorchster #1
SZENISCHES KONZERT FREI NACH EDGAR ALLAN POES »DIE MASKE DES ROTEN TODES« – URAUFFÜHRUNG VON UND MIT 100 MANNHEIMER BÜRGERN
Künstlerische Leitung Anselm Dalferth / Johannes Gaudet Video Thilo David Heins. 20.3.2015 20:00

Meine Wiederannäherung an die Welt des Theaters geht weiter. Die Bürgerbühne(n) gilt es zu erforschen. Aufmerksame Mitleser hier kennen das schon. Zwischenzeitlich mutierte ich ja zum Mouseclicker und Teile meiner Wanderung finden sich im Theaterblog. Es gab also Workshops hier und hier, ich besuchte einen Spielklub und eine Produktion der Mannheimer Bürgerbühne. Überall traf man dabei Menschen, die einem geheimnisvollen Geräuschorchester angehören. Gedanklich schlich ich um dieses Phänomen. Die Opernsparte des Parsifaltempels holte gewöhnliches Volk auf die Bühne des Opernhauses, wo sonst Walküren und Aidas toben? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Amateure in der Oper?
Gestern eröffnete nun dieses Geräuschorchester das 2. Mannheimer Bürgerbühnenfestival. (Über dieses wird hier in den nächsten Tag noch zu berichten sein.) Die schon bekannten Gesichter des Orchesters fanden sich wohl verteilt und ja. Das war ein Nackenverrenkstück. Überall waren sie die Bürger. Auf der Bühne die Elektroniker, die Loops in den Opernhimmel schickten, in den Logen Menschen mit allerlei Instrumenten, kaum zu erkennen. Von hinten klang es, als ob die Oper demonstrieren wolle, dass die 3D Sache ja schon sehr lange ein alter Hut ist. Nimm das Hollywood. Im Orchestergraben natürlich. Muss man gesehen haben. Der Trailer des NTM gibt das nur schwach weiter, weil das auf Video nicht geht.

Irgendwann kam dann Uwe Topmann auf die Bühne. Vom Schnawwl, dem Kinder- und Jugendtheater. Man mixed da so einiges in Mannheim. Mühelos füllt er mit seiner Bühnenpräsenz das große, fast ausverkaufte Haus. Er spielt eine Horrorstory von E.A. Poe. „Die Maske des roten Todes“. Kann man hier nachlesen, wir netzen hier ja.
Wie die Bürger ist er überall, flüstert, schreit, erzählt, filmt in den Orchestergraben, verschwindet, erscheint auf einer Loge, liest von weit oben im Gestühl. Scheinbar überall, natürlich mit Bühnennebel eingedampft. Zum Schluss eine Flugnummer quer durchs das Haus. Jeder Kletterwaldbesitzer wäre neidisch. Weiterlesen

Oh da, da Poesie: Baumsteig

Und wieder ereilt uns der Tag der Poesie. Auf der Leipziger Buchmesse hat man sich diesen März ja auch poetisiert und wenn man den Gazetten glauben darf ist Jan Wagners „Regentonnenvariationen“, zumindest in Mannheim vergriffen. Ein eBook davon gibt es auch nicht. Das könnte ja nicht vergriffen sein.
Wenn das Volk aber darbt, dann springe ich doch gerne ein. Bitte schön. Mikelbowert Euch!
Baumsteig als pdf einfach so zum poetischen Download.

(83 lyrische Texte auf 87 Seiten 164 kb)

Wir singen nur Sonnen

Ursprünglich erschienen am 27.10.2010

Auf Twitter gestern Abend, ein Bild, von einem iPhone aus einem Bus eingefangen, von @ichhebgleichab. Und es könnte jede Stadt sein. Scheinbar kalt, abweisend, grau und doch, ich mag die Städte… Lichter, die Wärme versprechen, manchmal und spontan schrieb ich ins Bild. Hunderte Kilometer entfernt.

Erlaubnis von @ichhebgleichab ist erteilt. Doch, doch, man kennt sich. Das Netz und die großen Städte sind oft weniger anonym, als die vordergründige Standard-Interpretation des Bildes glauben macht…und gute Wünsche reisen mit.

Ach ja, der Frühling schreit

Jahrgänge

Auch diese grünen Blätter
von trillernden Vögeln geweißt
werden sich färben
für mein Gepresse
Jahrgänge ringen mich

Stranden

Meine Runzeln
raunen Runen
in den Schorf
längst verheilter Wunden

Unzahl

Eine Unzahl
addiert mich
wer dividiert sich schon
in diesem Rausch
aus Multiplikationen
zieh die Wurzel, zieh

Kataloge

Nein ich beachte nicht
das Design der neuen Särge
ein neues Bett vielleicht
und noch einmal
eine Truhe für die Spiele

Testament

Einmal wollt ich
nützlich sein
Kann mich wer
zu Dünger malen

Schiffchen aus Hamburg olympen die Elben

Ich wollte das Volk ritte auf grünen Einhörnern. Nein nicht irgendwohin. Einfach reiten. Ohne Sattel. Durcheinader. Immer wieder total. Durcheinader. Mal dorthin, mal dahin. Nie dort anzutreffen, wo es die Spindoktoren abholen will. Einfach in den Steppenwald und den Wüstendschungel. Dschungelbells, dschungelbells. Über den Hörner die Eulen für Athen. Schiffchen aus Hamburg olympen die Elben. Jauchen will ich euch nicht, es singen die Nasen. Ich kotze den Krieg, den sie wüsten. Bald werden sie panzern., wieder und wieder. Ich wollte das Volk ritte grüne Einhörner, die es nicht gibt. Trotz dem. Flieg Eule, flieg!

Mathemathische Erotik

Im Satz des Thales gefangen
diesseits von Delta Liebe
diskutieren wir Kurven
von Null zur
Unendlichkeit des Zahlenstrangs
differenzieren
integrieren
bis zur nten Wurzel
der Zahl des Tieres
und 9 über 9 über 9 mal
duplizieren wir
unsere Achsen
in die Unendlichkeit des pi
relational

Zum pi-Tag (3/14)
Aus „Lyrologien“. Von Gertraud Schubert, Monika Wegscheider und mir. Ein Beitrag zum Wettbewerb „Digitale Literatur“ von DTV und T-Online 2002. Entstanden als Dialog-Gedichte in den Foren der Leselupe.

Ü 60 mein Schatz

Drei Schiffe aus Kastanienmelange
schleudern in die Wüste des ewigen Pop
dem Jagger die Satisfaction aus den Falten
tanzen lets spend the days together
und nur noch die großen Zehen tanzen
sollen sie doch giggeln die Tanten
mit ihrem Elternabendblick zum
Matheheftaufkleberfick und den Seufzern
in den Rheumaliga-Esoterien
mein Knie hält nur noch 2 Stunden
über den brennenden Knöcheln
ich tanze den Cummings durch
die Bachmannerei zu den Laboratorien
in der cannery road east of eden
was scheren mich 47iger
als hätte nur Kafka in Prag gesungen
und der Tango bläst in Nierstein
die fröhlichen Weinberge des Zuck
Maggi mein Messer
keine guten Menschen mehr
lasst uns Kreide greisen
I need someone to love
ach Joe, ach Joe
draußen nur Mozart
zum Requiem fuck ye
Bayreuth

Ich war mit in Santa Monica

Ich war in „Santa Monica“ von Akin E. Sipal. Inszeniert von Tarik Goetzke. Absolut neu für mich: Im Dezember war ich als Bürgerbühnler zu einer Autorenlesung des Stücks eingeladen, im Schwesterklub. Ich berichtete.
Zitat:

Und wie er las. Atemberaubend, nur mit 5 Minuten Unterbrechung, das ganze Stück. Als wäre es lyrische Prosa. Über eine Stunde und keine Sekunde war langweilig. Ich war schon in vielen Lesungen, aber derart spannend, intensiv, mitreißend und doch distanziert, als ob er seinen Worten nicht ganz trauen würde, so frisch verliebt in sie, habe ich schon lange nichts mehr von einem Autor gehört, vielleicht nur Raoul Schrott bei lesen.hören, vor Jahren.
Ich will vor der Premiere nicht viel zu dem Stück selbst sagen. Es muss erst auf die Bühne, dort wirken, beweisen, dass dieses Wortkaskaden mit den teuflisch guten Bildern, der fast schnoddrigen Sprache, die doch Schmerz beschreibt, Theater ergibt. Ich bin höllisch gespannt darauf, was da im März 2015 auf die Bühne kommt.

karte_monica

Und es war großes Theater! Der Drive dieser elementaren Sprache wurde fulminant umgesetzt, auch wenn ich mir manchmal noch mehr Zeit zum Atmen gewünscht hätte. Gerade die beiden Brüder spielten mit den Bildern, den Sprachattacken, beschwerten sich über die Vernachlässigung der angstbesessenen Alten. David Müller schaffte es als älterer Bruder sogar einen als Zitat kenntlichen medizinischen Wikipedia-Artikel in der Atemlosigkeit der lyrischen Prosa zu transformieren. Weiterlesen