Windliebe auf dem Rad, ich komme, ich komme

Ich streichle das Gesicht dieses Windes, wie er meines. Die Nase läuft, während mein Rad gen Westen in seine Arme läuft, kaum ein Fortkommen, so heftig bläst er nur für mich, treibt die Wolken dort oben zu meinem Vergnügen, über mich, hinter mich, an die Hänge der Bergstraße, bis sie platzen und steigen, den Hochnebeln gleich, an dem Minarett vorbei, das heute Nacht wieder grün leuchten wird. Er küsst mich, nein mein Wind ist kein Mann, umfängt mich, spielt mit mir. Nicht so heftig, mein Freund. Ich bin ein alter Mann, meine Knie ächzen, meine Fußgelenke stöhnen, nicht ganz so kräftig. Ja, so. Ich spüre dich durch die dicke Jacke unter der Kappe, auf den Schenkeln, langeunterhosenbedeckt. Ich gebe mich dir hin, erschaudere und dort, ich komme, ich komme. Ah, die Garage, ein Taschentuch und atmen, atmen, atmen. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.

Räuber

Zurück hüpfte ich fast. Dabei begann alles wie so oft, weil ich todmüde war. Die Straßenbahn ratterte, das Buch war auf den Schoss gesunken und ich starrte trübe durch die Scheiben. Diese Strecke war ich schon als Kleinkind gefahren, ich kannte jede Ecke, jede Unebenheit im Geleise. Die Durchsagen der Haltepunkte hämmerten ewig bekannte Straßennamen in mein Gehirn, das laut nach einem Gähnen rief und doch konnte ich meine Augen nicht von den vorbeiziehenden hässlichen Häusermeeren wenden, die auch noch von den Straßenlaternen unvorteilhaft angeleuchtet wurden, als ob gleich einer dieser furchtbar düsteren Krimis abdreht würde. Meine Gedanken rieselten träge, unfähig wie sonst immer, mir vorzustellen, was die Menschen hinter den Mauern denn gerade täten. Diese kleinen Dinge des Lebens. Dosenöffner polieren oder gebratenes Geflügel tranchieren. Ich gebe zu, oft erschreckte mich die Hochrechnung, wie viele Paare jetzt wohl kopulieren würden, gerade dann wenn die Bahn vorbei huschte, ungelenk und kreischend, die Zahlen pfiffen mir durch den Kopf. Geht es Ihnen auch so? Es ist unvorstellbar, dass jeder erwachsene Mensch kopuliert, potentiell jedenfalls. Gigantisch. Man fährt durch die nächtliche Stadt und hinter, na ja, jeder dritten Mauer paaren sich die Menschen. Solche Gedanken erfreuen normalerweise mein Gehirn, wenn mein Auge schweift, aber heute war da gar nichts, nur dumpfer Wiederhall der letzten erfreulichen Stunden. Ich suchte mühsam nach den Bildern der Lesung, als ich elektrisiert auffuhr. In dieser Stadt gibt es auch eine Goethestraße. Es gibt fast in jeder Stadt eine Goethestraße, sogar in der kleinen Stadt, in der ich schlafe, aber hier in der Stadt, die für mich Stadt ist, seit ich denken kann, in dieser Stadt war ich noch nie die Goethestraße bis zu ihrem Ende entlang gelaufen. Ein irrsinniges Gefühl der Trostlosigkeit machte sich in mir breit, die Müdigkeit umhüllte es mit einer verschmutzen Plane aus verbrauchter Luft und dann kam die Haltestelle. Es stieg niemand ein, keiner meiner Mitfahrer wollte aussteigen und doch hielt die Bahn, wohl aus schierer Gewohnheit oder weil der Fahrer träumte wie ich. Ich musste aussteigen. Raus. In die Goethestraße. Die Müdigkeit sank sofort in die Füße, aber die Schenkel trieben mich weiter, das Ende der Goethestraße suchen. Ich erwartete dort nichts, wie denn auch, es war eine dieser ganz gewöhnliche Stadtstrassen und nur die Satellitenantennen an den Balkonen ließen Sehnsucht nach anderen Ländern und Welten erahnen. Ich lief den Hausnummern entlang und war bald am Ende angelangt. Die Kreuzung, in der sich die Goethestraße in die Beethovenstraße verlor, war noch eine Spur hässlicher als der Beginn der Straße am Haltepunkt, dort glänzte wenigstens noch Neonreklame für eine Handy-Firma, die auch einmal ein deutsches Unternehmen war. Hier funzelte nur das Licht eines Kiosk. Ein Mann feilschte mit der Besitzerin um ein letztes Bier auf Pump. Um das nervtötende Geschrille abzukürzen kaufte ich uns zwei Bier. Die Rollladen fielen und ich beeilte mich das Bier zu trinken, mein Gegenüber schwallte mir all die Kloake über mein Haupt, die auch die Schlagzeilen der Zeitungen über die lauen Lüfte kreischten und die Kommentare, wie sie das Volk liebt, in aller dummgeiler Brutalität, sogar Adolf wurde bemüht. Urplötzlich hielt er inne und fragte mich, was ich denn in dieser gottverlassenen Gegend um diese Zeit zu suchen hätte. Ich sagte ich suche den Goethe, der in den Stra­ßen wohnt, heute in dieser. Er küsste mich auf die Backen, was weniger eklig war, als man annehmen sollte und deklamierte den Erlkönig, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Es traf mich bis ins Mark. Ich war Vater und Sohn zugleich, spürte die Tränen der Mutter, die Nebel, die Nacht. Als er schwieg und die Worte auf dem Pflaster des Gehsteigs sanken, damit sie am Morgen von Passanten weitergetragen werden konnten, wie Blütenstaub von diesen Killerhummeln, schrie die Stille der Nacht in mein Gehirn und der Mann war weg. Mein Lachen zerriss meine Müdigkeit in Streifen, die ich mir als Turban um den Kopf legte und leichten Fußes zurück zur Haltestelle lief, fast hüpfte. Zu Hause wollte ich die Schillerstraße auf dem Stadtplan suchen. Morgen. Ich werde nach Räubern suchen, am Ende seiner Straße.

Aus: „Räuber 77“

4:45

Dieses Gedicht entstand Ende der 90iger und fand Einzug in das Bändchen „ich träume im krautland“, einem der ersten Lyrik-Book-on-demands.

Eine junge Frau fuhr allmorgendlich mit der gleichen Straßenbahn, wie ich. An der Haltestellen wartend und ich wusste nicht, wie ihre Ängste wegnehmen, die offensichtlich waren. Ansprechen? Ignorieren? Das geht so schlecht, morgens um die Uhrzeit. Irgendwann wurde Sommer und es war hell morgens. Ein leichtes Grüßen und bald saßen wir uns gegenüber. Die junge Frau hat das Gedichtbändchen irgenwann geschenkt bekommen.. :))
Nichtsdestotrotz: Es war schlimm da im Dunkeln. Ich als potentieller Täter, sie eine verängstigte junge Frau. Passt vielleicht zum Thema #aufschrei, das auf Twitter so viele Frauen bewegt.

Reg Def 1- 4

Reg Def 1

Zweifel aus ungelesenen
Protokollen des Gesetzes
von Wehner vergessen
trauern um Franz Josef
und die Nutten in Köln
Berlin Berlin
wir fahren nach Berlin
Ein kleines Schiff
tanzt Wellen für
Willy und Ludwig
Nein, wir verkohlen
nie, nie, nie

Reg Def 2

Wir sind das Volk
Wir sind das Volk
Wir sind das Volk

und ihr nur unsere
Vertreter
Vertreter
Vertreter

Reg Def 3

über alles
über alles
über allen
Wassern schwebt
es noch
es dröhnt
zum weinen

Reg Def 4

Und doch wird
Prinz Karneval
auch nächstes Jahr
herrschen
Nicht ihr
Ihr seid nur

Vertreter
Vertreter
Vertreter

Einer der beiden Texte, die ich gestern in Bonn schrieb und beim Streetview IV las.
Eva hat die Nach-derLesung-Silvester-Party-Bilder gebloggt (click)
Die Lesungen selbst gibt es hier nachzuhören. (Click)

Meine beiden Lesungen aus Evas Soundcloud-Stream hier eingebunden:

Die Texte gibt es bis Mai in einer Sonderausgabe der Literaturzeitschrift Wortschau, präsentiert auch von den Autoren bei der Mainzer Minipressen-Messe. Das ist eine lockere Autoren-Gruppe, mit genz unterschiedlichen Texten, Ansätzen, Vorgehensweisen, in der ich mich sehr wohl fühle und die irgendwie und irgendwo dieses Format unter der Leitung von Eva Wal (die „Erfinderin & Gastgeberin“) weiterführen wird, so ist unsere Absichtsbekundung. Ich danke Eva und Oliver auch sehr für die Gastfreundschaft.
Bonn ist eine Reise wert. ))

Die Raunachtlesung habe ich in einen eigenen Thread kopiert. #ausgruenden

Die wilde Jagd

Heute schon Wäsche aufgehängt? Nein, nicht das Fähnlein in den Wind, wie immer. Richtig, Wäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt!
Heute ist der 31.12.2012 in der Bundesstadt Bonn und dies ist die heiligste Raunacht! Da darf man keine Wäsche waschen oder gar aufhängen! Kann man nachlesen, goggelt es gefälligst selbst! RAUNACHT! Nein, das hat nichts mit den Mayas zu tun oder anderen exotischen Volksmassen. Das ist von hier! Um Euch herum. In Salzburg wandeln sie sogar umher deswegen. Denn wenn ihr doch habt und ihr habt, wenigstens potenziell, dann wehe Euch! Wehe! Denn, wenn ihr gegen die Gesetze der Raunacht verstoßen habt, dann kommt Euch die wilde Jagd holen. Kann man auch wikipädieren.
Die wilde Jagd. Tausende von Geistern. Ermordete Seelen, gefallene Seelen. Angeführt vom Schimmelreiter und der Frau Holle. Sie reiten seit Tausenden von Jahren in den Wolken vom Sturmwind gepeitscht, erschrecken die Piloten von RainerAir und Konsorten, saufen die Kondensstreifen der Erzengel und Boing-Boings. Keine ist sicher vor ihnen, keiner.
Ich sehe Euer Grinsen, das überhebliche Lächeln. Gefasel, dümmliche Folklore, rechts-populistische. Wir doch nicht.
Ach? Unser germanisch-keltisches Erbe (wir haben Anspruch auf beides!) hat nix mit den Nazis zu tun. Das ist archaisch, damit kamen wir Indogermanen zu den Kelten hier. Das ist großes Kino. Die Edda, die Nibelungen. Die Raunächte, die wilde Jagd?
Ihr Kleingläubigen! Heute Nacht werdet ihr Unsummen an Tonnen von Schießpulver in die Luft jagen. Lichter in das Schwarz jagen, noch vor Kurzem habt ihr alles illuminiert und bekerzt, was das Zeug hält, sogar in die Kirchen seid ihr gerannt, obwohl Euch aller Glaube fehlt. Geister der Dunkelheit wollt ihr vertreiben, die Tag und Nachtgleiche feiern, weil bald wieder das Licht bis in die grillsten Nachtstunden von der Sonne kommt. Die Geister verrasseln, laut schießen, damit sie Euch nichts tun. Die wilde Jagd.
Die wilde Jagd gibt es nicht, hat es nie gegeben? Kommt mit!
Bonn. Bertha von Suttern Platz. Die Suttern kann nichts dafür. Die lassen wir ‚raus. Der Platz heißt halt so. Ein hässlicher Platz, wie es solche an den Rändern deutscher Fußgängerzonen überall gibt. Beton, Straßenbahnhaltestelle, als ob es die Moskauer Metro wäre, McDonalds, Dönnerbuden und der Durchgangsverkehr zur Kennedybrücke und sonst wohin. Ampeln. Hupen. Blaulicht. Es rauscht unentwegt, bremst, rauscht weiter. Motoren brüllen, aus den Lautsprecher wummern die Beats, hämmern in Hirne und immer weiter geht die Fahrt. Busse 529, 600, 601, in 2 Minuten in 5 Minuten, die 61, die 66. Straßenbahnen quietschen. Immer weiter immer schneller, wir jagen dahin, verbrennen das Öl der frühen Tage.
Studien, Studien. Burn-out, Burn-out. Wir brennen, wir brennen. Es brennt in uns, das Feuer nach Geld, nach Ruhm. Die Sehnsucht nach Ruhe treibt uns in entfernteste Winkel. Mein Buch „Entschleunigung“, kauft es kauft es, ich brauch Geld, Geld, Geld. Ein Workshop, ein Workshop in Kontemplation. Bucht, bucht, bucht. Ich brauch‘ Geld. Ich jage Geld, ich jage Euch, ich jage meinem Herzschlag nach. Es wummert, es brummt. Die Beats der späten Jahre ersaufen im Techno, das Adagio schon längst gestorben, nur der Blues nährt sich manchmal davon, die Depressionen, weil wir nichts mehr festhalten können.
Ihr sagt, ihr kennt sie nicht, die wilde Jagd? Nur weil keiner mehr auf Straßen reitet? Weil der Schimmelreiter in der Schule zerlesen wird und die Frau Holle von Disney verkitscht, in Watte in dämlichen Märchenhäusern der deutschen Weihnachtstempel sitzt und „kauft, kauft, kauft“ schreit?
Es donnert Raketen, die kleinen heute nur. Die wilde Jagd zu vertreiben.
Es ist Raunacht. In Bonn. 2012 auf 2013.

Diesen Text gibt es bis Mai in einer Sonderausgabe der Literaturzeitschrift Wortschau, präsentiert auch von den Autoren bei der Mainzer Minipressen-Messe. Siehe hier.