Kategorie: Bibliothek des weihnerlichen Grauens
04.11.06
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 1,2
Ich bin enttäuscht, tief enttäuschte. Ich harre jedes Jahr. Ich warte. Ich bereite mich auf die Ankunft vor; auf die Ankunft eines Herrn, meines Herrn, der vor 2000 Jahren jämmerlich dahin gerichtet wurde. Ich warte trotzdem. Jedes Jahr. Ich bastle Sterne. Ich bitte Sie, ich bastele sie. Nicht gestalten, nein basteln. Ich warte jedes Jahr darauf, aß er endlich persönlich erscheint und endlich zugibt, aß er tot ist und nicht daran denkt wieder geboren zu werden. Ich warte darauf, aß er meinem Leiden ein Ende setzt. Nur Er könnte es. Aber nein, jedes Jahr bleibt er weg, ist zu feige, versteh' ich ja, ist zu feige, sich zu stellen. Stellen Sie sich 'mal vor er käme. Irgendwann am dritten langen Samstag und würde sagen : "Schluss". Einfach nur "Schluss". Ich der Herr, Dominus Vobiscum, Princeps pacis et cetera, et cetera, habe es satt, wie mein geringer Diener. Ich habe es satt. Ab sofort verlange ich Lizenzgebühren für meine Geburtsdarstellungen in Wort, Bild, Ton, Basteleien, Menüs, Backwaren, und anderen Fanartikeln. Tut Er nicht. Ich singe inbrünstige, bete, bitte, aber ER kommt nicht, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Er lässt mich allein in diesem Elend. Sei's 'drum. Ich werde auch diesen Dezember überleben. Ich werde basteln und singen und backen und die Adventskränze im eigenen Fett brutzeln. Und aufs nächste Jahr hoffen. Aß diese Idioten an Ostern besser aufpassen, wenn die Auferstehung verkündet wird, aber da sind sie alle auf der Autobahn. Und also harre ich auch nächstes Jahr wieder.......
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 345,78
Dreschen
Wir dreschen Weihnachtsstroh. Stroh aus den Krippen, den Grippen, den Gerippen der Emotionen. All diese Sehnsucht nach kindlichen Weihnachtsgeschenken. Das Wünschen war doch die Weihnacht, das Sehnen nach Dingen und nicht das Erfüllen. Wir dreschen es uns wieder aus dem Stroh. Diese Wünsche ans Gemüt, die wir Lichkeit nennen, das Hoffen auf Harmonie, damit sich die eigene Mitte gut finden lässt, wir dreschen das Stroh. Jedes Jahr dreschen wir das Stroh und den Mist, der halt stinkt, nach Eigenmief, unausgelüfteten Ritualen und ewig unerfüllter Sucht nach Sehn. Es ist leer, das Stroh, wir dreschen es trotzdem immer wieder, Jahr für Jahr. Dabei liegt, was wir suchen, bei all dem Kehricht und Dreck, den wir unter Mühen ganzjährig entsorgen müssen, dick und fett oben auf. Die Wut, die Freude, die Tränen, das Lachen und das Glück aus der hüpfenden Streichholzschachtel, wir wollen hier noch nicht einmal an Sex denken, obwohl, nicht wahr, Damens und auch Herrchen, nicht wahr ! Aber das alles, dieses ganze Jahr voller erfüllter Süchte und Orgasmen ist halt nicht Weihnachten, da muss es strohig sein, deshalb dreschen wir weiter, jedes Jahr aufs Neue. Fröhliche Weihnachten, das wir aus dem Stroh der Grippe, pardon, der Krippen dreschen, mit Wut und unerschöpflicher kollektiver Energie.
Lyrische Assotiationen zu verbrauchten Themen 1,1
Strohgeburt
Auf meinem handgedroschenen Stroh
in meinem Hirn
gebar Maria den Herrn
Meine Ex-Kollegen
nannten das schon immer
Stall
mein Hirn
aber seitdem
gebiert dort jedes Jahr
Maria
den Herrn
Stellt Euch das vor
schöne Frouwe
meine Herrn
Ein Stern geht auf
dir auch
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 1,5
Auf der Autobahn Basel - Frankfurt zwischen Pfungstadt und dem Darmstädter Dreieck steht Freitagmittags um 5 ein Mann im schwarzen Anzug mitten auf der linken Spur von sechs und intoniert a capella „Stille Nacht", ganz ohne Verstärkung. Die Fußgänger um ihn herum verstehen ihn, denn es ist wirklich kein Laut zu hören, na ja, eine wenig schon, die Zweige an den Bäumen knarren ein wenig im Wind. Alle Strophen singt der Mann und nichts ist peinlich, alle verstehen die Botschaft von der Stille, der religiösen Background ist mit einem Lächeln akzeptiert, auch von den wilden Linken ganz Rechts. Da steht er der Mann und singt immer und immer wieder. Es ist ein Flashmob von http://flashmob.twoday.net/topics/Darmstadt/.
Die Darmstädter Nachrichten berichteten noch :
Ganz langsam gingen die Menschen fast 3 Kilometer zu Fuß ( per PEDES ! ) zu ihren zugeparkten und nun wieder freien Automobilen und fuhren ganz langsam nach Haus. Der Einzelhandelsverband sprach von schweren Einbussen auch noch Tags drauf.
Es gibt jetzt Stille Räume, Stille Seminare, Stillanten.... und natürlich StillArt wie dieses. Ganz am Ende der Straße, fast schon auf der Mathildenhöhe liest ein junge Frau ihren Büchner, stillt ihr Kind in der Kälte und singt ganz laut „Born to be wild" dabei. Sie stillt bei Nacht.
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 1112,2
Im Jahres des Heils gehe ich in den Wald, wie jedes Jahr, und suche mir meinen Weihnachtsbaum aus. Ich schaue ihm dann tief in die Rinde ( es ist übrigens keinesfalls ein Nadelbaum, nie ) und ernenne ihn dann zum Weihnachtsbaum. Ich schmücke ihn nicht, bau' auch keine Altärchen unter seinem Geäst, veranstalte keinen Ringelpietz, ich freue mich schlicht an meinem persönlichen Weihnachtsbaum. Natürlich werde ich ihn nicht mit Ketten und Sägen ermorden. Nein, ich lasse ihn tief im Walde stehen und besuche ihn nur ein oder zwei Mal, bis Weihnachten, nur um nachzusehen, ob ihn auch kein Herbststurm entwurzelt hat, denn dann würde Weihnachten ja ausfallen. Am Weihnachtstag selbst gehe ich allerdings nicht in den Wald. Wer wird schon ausgerechnet zu Weihnachten einen einsamen, schmucklosen Weihnachtsbaum im Wald besuchen, bar jeder Familie ( es ist doch scheißegal ob Bäume Familien haben, an Weihnachten hat JEDER/E/S Familie zu haben, ob er/sie/es denn will oder nicht ), ich auch nicht. Der einsame Weihnachtsbaum im kalten Tann, das treibt mir dann die notwendigen Tränen ins Gesicht, wenn es feierlich und gemütvoll wird. Dafür brauch ich meinen Weihnachtsbaum. Ich denke ich nehm' dieses Jahr eine geile, 100 jährige Eiche, mindestens.
Lyrische Assotiationen zu verbrauchten Themen 1,2
Sterne im Tannenwald Bethlehems
Ein Verwander
dieses Jesus,
mit gleichem Namen
erschoss Achmed nicht,
der Infada Kind.
Sie basteln Weihnachtssterne
für christliche Touristen,
alle aus den Kirchen ausgetreten,
pflanzen noch mehr Tannen
im Stadtwald von Bethlehem,
wo der türkische Bischof
Niklaus mit Leila haust,
Jesu schöner, ersten Frau,
mit der er zaubert,
Schnee für die Wüste,
Achmed, Jesus und ihre Sterne.
Wenn des Abends sie Biere ermüden,
Jesus, Nikolaus, Achmed und Laila,
samt Magdalena und Femia, ihren Frauen,
rezitiert Klaus aus Smyrna
manchmal nach dem 4. Bier :
Draussen vom Walde komm ich her.
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 234,5
Wir vom Gästeklo 8
Die Krippe auf dem
Gästeklo 8
erhält beim
Krippenwettbewerb
dieses Silvester
den 3. Preis.
Wir stolzen uns
durch den Wein und die Nacht
wir,
vom Gästeklo 8
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 134,5
Seit Tagen beherrschte jetzt dieses niesel-nölige Novemberwetter mein Gemüt und verwandelte mich in einen kaum zu bändigenden Brausekopf, die lokale Politik in Berlin und Stöcklinghausen-Vorfeldachse spielte verrückt, die Weltmacht brünstete nach einem neuen Krieg, das Oleum Nostrum zu befrieden und dann das noch.
Die beste Ehefrau schickte mich in den Keller, die Adventsachen zu besichtigen, ob wohl auch noch genügend lila Band und ausreichend Strohsterne vorhanden wären. Band brauchten wir noch, Strohsterne sind immer genug da, ich kaufe sie heimlich, um der elenden Bastelei zu entgehen.
Lyrische Assotiationen zu verbrauchten Themen 1,5
in der selbsterfahrungsgruppe
der jungfrauensöhne
herrscht weihnachtsverbitterung
mann hatte es wieder nicht geschafft
die list der matriarchen
zu entlarven
vaterlose gesellen
weinen bittere tränen
in zerbasteltes weihnachtsstroh
josephmaria, sackzement,
welch ein Zorn,
welch ein Zorn.
clone it yeah.
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 45,8
Gloria in Exelcis Deo
Mir fehlte dieses Jahr das Lyrisch entrückte. Das Nächtigverzückte der letzten Jahre. Zugegeben, die durchwobene Polymelodie zwischen Puttensopran und Erzengelbass schwang sich auch dieses Jahr grandios in die ätherischen Hüllen der Transparenz, wie sie nur im heiligen Land zur Weihnachtszeit die Olivenhaine durchwabern kann, aber doch fehlte das letzte Quäntchen interpretatorischer Reife, wie sie nur die Flügelführung von Raffael in die Ohren der verzückten Sünder zaubern kann, aber er ist wohl in temporäre Ungnade gefallen, aus Gründen, die kein Sterblicher je verstehen wird, so implodierte Michael mit dem Schwert des Paradieses furios durch die Partitur, mit der ganzen Gewalt des Luzibezwingers, ganz neue Töne schaffend, mitreißend und qualvoll zu gleich, aber dennoch, der Ritt, nicht von B-Dur sondern von G über F schafft in der atmosphärischen Dichte nur Raffi. Gloria in Exelcis Deo, was liebe ich dieses Stück himmlischer Musik, wie lebe ich darin, wenn nur nicht jedes Jahr dieses Proll-Kind dazwischenbrüllen würde und auf offenem Feld von seiner blutjungen Mutter schamlos gestillt würde, von seinem Tattergreis von Vater aus einer Viehkrippe aus schmutzstarrendem Stroh gezerrt. Und das bei diesem Engelschor, mich wundert, dass der Alte das zulässt, er muss wohl einen Narren an dem Balg gefressen haben. Wie gesagt, das lyrisch Entrückte fehlte mir dieses Jahr, aber die Madonna selbst soll nächstes Jahr die Flügelführung übernehmen, wie anno 1648 schon einmal, welche Wonne, hoffentlich ist die Schlampe mit diesem Bastard dann verschwunden. Es wird sogar gemunkelt, es sollen Juden sein.
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 19,2
Die Bananendampfer, die Orangenflugzeuge, die Dattelautos, alle streiken. Die Mandeln und Rosinen bleiben zu Hause, es wird still dieses Jahr. Wir lernen von Oma Bratäpfel zu backen und Kuchen aus Dinkelmehl ohne Safran und Nelken, und Zuckerrübensirup. Kein Kaffee, kein indischer Tee, kein Rouge, kein Rum, Pfefferminze ist uns geblieben, hurra, was braucht die Welt mehr, außer Dir und mir? Bier gibt es und Pfälzer Wein und es riecht nach Sauerkraut, Zwiebeln und Wacholder. Kartoffel kamen aus Amerika, sie bleiben, auch wenn es keine French Fries sind.
Eine Scheißerei ist das, komm wir geh'n zum Thai, der wird auch heute aufhaben, ist schließlich Buddhist. Ist mir doch egal ob Weihnachten ist.....
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 908,3
Zölibat gestattet Jungfraugeburten
Der katholische Pfarrer an St.Adam und Silvester in Fussballfeld-Ost wurde vom Dienst suspendiert, weil er zur Einstimmung der weihnachtlichen Mitternachtsmesse das Geschrei seines 2 Monate alten Sohnes vom Band einspielte, derweil die Kindsmutter als Jungfrau Maria verkleidet, mit ihm zusammen als Joseph, im Rahmen einer lebende Krippe mit einer Barbiepuppe im Stroh "Stille Nacht" sang. Statt einer Predigt küsste sich das Paar 10 Minuten lang um anschließend nur die Worte : "Gott ist die Liebe in uns, nur das Zölibat gestattet Jungfraugeburten" zu rappen. Das Interview, das der Pfarrer unserem Nahostkorrespondenten gab, kann aus jugendrechtlichen Gründen nicht abgedruckt werden. Das bischöfliche Disorientat war zu einer Stellungnahme nicht fähig. Wir berichten weiter. Der Pfarrer wird nichts destotrotz bei der Castingshow: "Deutschland sucht den Superpastor" teilnehmen. Radio Total Lokal, der führende Sender der Show, war begeistert. Man hatte ja schon einen transsexuellen Laienprediger dabei, aber das sei dann doch der Oberhammer, obwohl eine Grossnichte des Papstes strippen soll. Die Gemeinde von St. Adam und Silvester wartet auf den neuen Pfarrer. Kommentare von Gemeindmitgliedern sind auch nicht druckbar. Die Redaktion entschuldigt sich mit einem "Fröhlichen Weihnachten".
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 786,4
Das Reh, der Jäger und Weihnachten
Mein Kollege Karl hat bereits das Reh im Auge, das er schießen wird für den Weihnachtsbraten. Wenn denn die Zeit dafür reif ist. Karl ist mir sympathisch. Nicht weil ich gerne jage, will heißen das ganze Jahr in den Wald pilgern, stundenlang auf Hochsitzen ansitzen und ähnliches. Karl ist auch kein Jäger, weil er Geld hat, ganz im Gegenteil. Er ist Jäger weil er Wald geerbt hat. Er schießt Wild, weil es geschossen werden muss. Wölfe gibt es ja keine mehr. Und so sucht er sich unter dem zu dezimierend Teil des Damwildes das Teil aus, das den Weihnachtsabend mit seinem Fleisch ehren wird, wie er es auszudrücken pflegt. Karl sieht dem wild ins Auge, tötet es mit Bedauern und doch mit Lust, am Jagen und Essen. Was ist so verwerflich daran? Er tötet, weidet aus, sorgt sich um das Fell UND die Nachkommen des Tieres, wie Millionen Jäger vor ihm, seit Urzeiten. Warum sollen wir ihn in unserer weihnachtlichen Betrachtung, unserem Spiel mit den Emotionen, unserer dämmerlichen Vorahnung von ewigem Frieden, auch zwischen den Geschöpfen außer vor lassen. Nur weil wir uns inzwischen zu bequem sind selbst zu jagen, es sei denn die Schnäppchen aus den Tiefkühltruhen der Supermärkte? Ich mag Karl, als ehrlichen Jäger, wenigstens, weil er mich dieses Denken gelehrt hat. Wir sind alle Teil der Fresskette, ob Du das willst oder nicht.....und Erbe der Steinzeitjäger und Sammler. Und soooo verkehrt waren sie nicht, sie malten die Tiere auch. Siehe die Höhlen. Und lebten sie noch, sie würden Weihnachtsbäume schmücken, wie wir.
Lyrische Assotiationen zu verbrauchten Themen 1,7
Muscheln im Innenmeer
Sterne aus Deinen Augen
rieseln über meine Haut.
Leuchtspuren aus Bernstein
glitzern inter und aktiv
Novae und schwarze Löcher
in unserem Blick
verschlungen
im Weihnachtsbaum
aus Muscheln vom Innenmeer
Bibliothek des weihnerlichen Grauens 567,5
Wie ein träger Fluss ziehen sich die zweiten Weihnachtsfeiertage durch mein Leben. Sie sind Resttage. Sie verkünden die Lehre vom Restmüll, den Resttorten, den Restflaschen Wein, dem Restärger, der Restfreude, dem Resteteller mit Braten. Die Reste der Kontenstände, Restkerzen. Alles ist Rest. Ein Resttag, ein schöner. Von allen Feiertagen ist er mir der Liebste. Keiner verlangt mehr von mir Weihnachtslieder zu singen, die emotionalen Dinge sind wieder im Lot, Silvester ist noch fern und herrlich lässt es sich faulenzen, während der Rest der Gesellschaft dabei ist die Weihnachtsgeschenke zu ordnen, zu bespielen, wegzuräumen, zu befingern, zu begaffen oder gar zu lesen. Ein träger Fluss aus Jahrestagen zieht sich durch mein Leben. Der wahrhaft heilige Nacht ist die Nacht der Nächte zum 27. Dezember, der Tag an dem man wieder in Kneipen fliehen darf an Disco- und andere Theken. Die Menschheit erwacht aus ihrem Gefühlsgedämmer und langsam, ganz langsam, wächst die Lust auf das Anarchische, die Lust auf den Carne vale, auf das Frühjahr und den frühen März. Alles in dieser Nacht, wo die Kindlein gezeugt werden, zu hauf.

